Suzanne de Dietrich (1891-1981)

Suzanne de Dietrich kommt aus einer elsässischen Familie mit lutherisch-reformiert geprägter Tradition. Nach ihrem Ingenieurabschluss wendet sie sich mit Leidenschaft dem Bibelstudium zu, das sie mit einem sehr hohen Anspruchsniveau verbindet und das für sie auch eine Öffnung auf die ökumenische Bewegung bedeutet.

Vom Ingenieurstudium zum Bibelstudium

  • Suzanne de Dietrich im Alter von 80 Jahren © Réforme

Suzanne de Dietrich kommt in Niederbronn (Bas-Rhin) in einer Industriellenfamilie zur Welt, die in der von den Pfarrern Johann Friedrich Oberlin und Tommy Fallot geprägten Glaubenstradition des Steintals (Ban de la Roche) verwurzelt ist.

Sie nimmt in Lausanne das Ingenieurstudium auf und beteiligt sich dort an den Aktivitäten des Christlichen Studentenbunds. 1913 macht sie ihren Ingenieursabschluss, und im Februar 1914 nimmt sie am Kongress der Fédération française des associations chrétiennes d’étudiants (französischer Bund christlicher Studentenvereine) – der „Fédé“ – teil.

Trotz einer schweren körperlichen Behinderung bringt sie sich dort von diesem für sie entscheidenden Augenblick an voll ein.

1916 wird sie auch Mitglied der vornehmlich von Theologiestudenten ins Leben gerufenen Bewegung „Volontaires du Christ“ (Freiwillige Christi), deren Losung die „Evangelisierung der Welt durch unsere Generation“ ist.

Sie führt in der Fédé das gemeinschaftliche Bibelstudium ein, was zur damaligen Zeit als etwas Revolutionäres gilt. Sie setzt sich dafür ein, dass die Bibel von einem Buch für private Meditation zum Gegenstand biblischer Bildung wird, durch die der Glaube gestärkt werden soll und die für alle – in den verschiedenen Etappen ihrer geistigen Entwicklung – offen ist.

Zu dieser Zeit nimmt sie auch an der Entdeckung des Werks des großen Schweizer Theologen Karl Barth (1886-1968) teil, das in Frankreich durch Pierre Maury (1890-1956) über die Zeitschrift Foi et Vie bekannt gemacht wird, die in den Kreisen der jungen Theologen großen Einfluss hat.

Das ökumenische Engagement und die Gründung der Cimade

1929 wird Suzanne de Dietrich Vizepräsidentin des Christlichen Studentenweltbunds, der nach dem Ersten Weltkrieg die Speerspitze der sich gerade formierenden ökumenischen Bewegung bildet, und 1932 ist sie die Initiatorin des ersten Treffens von katholischen, protestantischen und orthodoxen Theologen.

Von diesem Zeitpunkt an betreut sie in Frankreich zahlreiche konfessionsübergreifende Bibelstudiengruppen.

1929 wird sie Vizepräsidentin des Christlichen Studentenweltbunds und Beauftragte für ökumenische und liturgische Fragen, und dieses Amt hat sie bis 1946 inne.

1937 nimmt sie an der ersten Weltjugendkonferenz teil, bei der die Bibelarbeit ein zentrales Thema ist.

Sie ist Mitglied des Konsultativausschusses für die Erarbeitung einer „Methodik der Bibelarbeit“, die unter der Bezeichnung „Biblische Erneuerung“ bekannt wird.

Im September 1939 beteiligt sie sich zusammen mit Madeleine Barot (1909-1995) an der Gründung der CIMADE, Comité inter-mouvements auprès des évacués (bewegungsübergreifendes Hilfskomitee für Evakuierte), die durch die dramatischen menschlichen Probleme im Zusammenhang mit den Flüchtlingen und Evakuierten notwendig wird.

1941 gehört sie zu den 16 Pfarrern und Laien – darunter 3 Frauen -, die die als Thesen von Pomeyrol bekannt gewordene Erklärung verfassen, mit der der Widerstand der Reformierten Kirche Frankreichs gegen den Nationalsozialismus unterstrichen wird.

Während des Krieges bleibt sie in Genf, um die Christlichen Studentenvereine zu unterstützen. Sie verfasst zunächst eine Geschichte dieser Vereine und dann ihr bekanntestes Buch, Le dessein de Dieu („Was Gott mit uns vorhat“), ein Wegweiser durch die Bibel für alle Gläubigen, der in katholischen Seminaren eingehend studiert wird. Dieses 1945 veröffentlichte Buch ist in 13 Sprachen übersetzt.

Tätigkeit in der letzten Lebensetappe

1946 ist sie an der Gründung des neuen Ökumenischen Instituts in Bossey (im Schweizer Kanton Waadt) beteiligt, einer Art Laboratorium gelebter Ökumene. Sie ist dort zuständig für die Ausbildung von Laien für die ökumenische Arbeit. Dort verbringt sie 8 Jahre.

1954 lässt sie sich in Paris nieder, und von dort unternimmt sie Reisen, vor allem nach Nordamerika und Kanada, wo sie in den theologischen Fakultäten unterrichtet.

Ab 1958 gehört sie dem Leitungsgremium der Cimade an, und sie ist Mitglied der “ Équipes de recherche biblique“  von deren Gründung im Jahr 1962 an.

Suzanne de Dietrich wurde von mehren Universitäten in Europa und Nordamerika der Titel eines Doctor Honoris Causa der Theologie verliehen.

Suzanne de Dietrich (1891-1981)

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Bibliographie

  • Bücher
    • DIETRICH Suzanne (de), Le dessein de Dieu, Labor et Fides, Genève, 1945
    • WEBER H. R., Suzanne de Dietrich, la passion de vivre, Les Bergers et les mages-Oberlin, 1995

Dazugehörige Vermerke

  • Jean-Frédéric Oberlin (1740-1826)

  • Die protestantischen Frauen in der "Fédé"

  • Tommy Fallot (1844-1904)

    Schon in seiner Jugend war Tommy Fallot darüber erschüttert, wie wenig Interesse der – am Ende des 19. Jahrhunderts sehr zerstrittene – Protestantismus der sozialen Frage entgegenbrachte. Als Pastor wurde...
  • André Gide (1869-1951)

    André Gide ist einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er entstammte einer protestantischen Familie und erhielt eine strenge Erziehung, die in seinem umfangreichen literarischen Werk...
  • Philadelphe Delord, de Freund der Leprakranken (1869-1947)

    1926 gründete der Pastor Philadelphe Delord mit Hilfe des Instituts Pasteur in der Kartause von Valbonne (Gard) das erste Sanatorium für Leprakranke in Frankreich. Dieses Sanatorium mit internationaler Ausstrahlung nahm...
  • Jacques Ellul (1912-1994)

    Jacques Ellul war ein zutiefst in seinem reformierten Glauben verankerter Professor aus Bordeaux und ein eingefleischter Gegner jeglicher Form von Konformismus. Er veröffentlichte mehr als vierzig Bücher und schrieb zahlreiche...
  • Jean Zay (1904-1944)

    Der brillante Politiker Jean Zay ist Zeuge und Opfer der Tragödien des 20. Jahrhunderts.
  • Paul Ricœur (1913-2005)

    Paul Ricœur gilt als einer der bedeutendsten französischen Denker der Nachkriegszeit. Er war Philosoph und Christ in einer Person. Dieser Denker der Tat hat sich abseits des Medienrummels in den...

Dazugehörige Rundgänge

  • Die Theologie im 20. Jahrhundert

    Im Denken und in der protestantischen theologischen Forschung des 20. Jahrhunderts unterscheidet man drei Perioden: bis zum Ende der Zwanziger Jahre, die Dreißiger bis Siebziger Jahre und die Zeit danach.