Die protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen (EPAL, EPCAAL und EPRAL)

Die Gründung der Union der Protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen im Jahre 2006 besiegelt einen Annäherungsprozess zwischen der lutherischen und der reformierten Kirche im Elsass und im Departement Mosel. Diese bestehen weiterhin, behalten ihre Gemeinden und ihre eigene Organisation bei und bewahren ihre vom Konkordat zugestandenen Rechte.

Eine zu vermeidende Verwechslung

  • Umschreibung protestantischer Kirchen im Elsass und in Lothringen © Collection privée

Es handelt sich hier trotz eines Namens, der zu einer Verwechslung führen könnte, um die Kirchen vom Elsass und dem Departement Mosel, die in den beiden elsässischen Departements des Haut-Rhin und des Bas-Rhin und dem lothringischen Departement Mosel angesiedelt sind und deren Geschichte völlig verschieden ist von der der anderen lothringischen Departements. Denn die drei Departements des Elsass und das Departement Mosel wurden 1871 durch den Frankfurter Vertrag an Deutschland angegliedert.

1918 an Frankreich zurückgefallen, sind sie während des Zweiten Weltkrieges von 1940-1945 wieder deutsch geworden, während die übrigen lothringischen Departements besetzt wurden, aber französisch blieben.

Die lutherischen und reformierten Kirchen im Elsass und im Departement Mosel bis zur deutschen Annektierung

  • Bischwiller (67), protestantische Kirche mit Simultaneum, Druck von 1727 © O. d'Haussonville

Im 16. Jahrhundert verbreiten sich die Ideen der Reformation im Elsass, einem Mosaik von Lehensherrschaften und Fürstentümern im Rahmen des Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, und im Herzogtum Lothringen, aber die Verwurzelung des lutherischen und reformierten Protestantismus ist schwach im Südelsass, einem persönlichen Besitz des germanischen Kaisers, und insbesondere in Lothringen, wo der Herzog von Lothringen und der Bischof von Metz sich der Reformation widersetzen. Seit 1552 halten die Franzosen übrigens die Bistümer von Metz, Toul und Verdun besetzt.

Der Anschluss von Elsass-Lothringen an Frankreich im Verlauf des 17. Jahrhunderts ändert trotz Zwangsmaßnahmen gegen die Protestanten nichts an der konfessionellen Karte. Denn das Edikt von Fontainebleau von 1685, das das Edikt von Nantes aufhebt, betrifft nicht das Elsass, das von den Westfälischen Verträgen von 1648 abhängt.

Während der Französischen Revolution, als die Schreckensherrschaft der Anbetung der Vernunft herrschte, waren die Provinzen im Osten bezüglich der Religion denselben Zwängen unterworfen wie die übrigen mit dem Verbot der alten Gottesdienste. Im Jahre 1802 veröffentlicht Napoleon Bonaparte, der erste Konsul, die Organischen Artikel des protestantischen Glaubens: die lutherischen und reformierten Kirchen werden unter das Konkordat gestellt.

Die lutherischen Kirchen behalten ihre Organisationsformen mit ihren in Inspektionen unterteilten Konsistorien bei und das Ganze wird in der landesweiten Kirche Augsburgischen Bekenntnisses zusammengeführt. Die reformierten Gemeinden sind in ganz Frankreich in konsistoriale Kirchen zersplittert.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist der Protestantismus im Elsass stark verwurzelt, aber weniger im Departement Mosel, wo er in seiner reformierten Form dennoch leicht zunimmt.

Nach dem präsidialen Staatsstreich von Ludwig-Napoleon Bonaparte organisiert das Dekret vom 26. März 1852 die protestantische Religion in den Departements Haut-Rhin, Bas-Rhin und im Departement Mosel, indem es folgende Kirchen gründet:

  • die Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass-Lothringen (ECAAL) – lutherisch
  • die Reformierte Kirche von Elsass-Lothringen (ERAL)

Die beiden lutherischen und reformierten Kirchen im Elsass und im Departement Mosel nach der deutschen Annektierung

  • Strassburg, Universitätsgebäude : die theologische Fakultät (Bas-Rhin)

Nach der französischen Niederlage in Sedan emigrieren im Jahre 1871 zahlreiche Elsässer, unter ihnen etwa 20.000 Protestanten, nach Frankreich. Das Elsass und Nordlothringen (mit Metz, aber nicht Nancy) werden dem deutschen Reich angegliedert.

Die Regierung unter Bismarck schenkt diesen Regionen große Aufmerksamkeit und begünstigt sie. 72 neue lutherische und reformierte Kirchen werden erbaut sowie drei Garnisonskirchen, darunter die Paulskirche in Straßburg. Die Straßburger Universität wird zu jener Zeit stark gefördert: Errichtung neuer Gebäude, Ernennung eminenter Professoren, Gründung einer außergewöhnlichen Bibliothek. Außerdem werden diese Regionen wie in ganz Deutschland durch ein sehr vorteilhaftes Sozialsystem begünstigt.

1918 kehren das Elsass und das Departement Mosel zu Frankreich zurück. Im Jahre 1924 scheitert der Versuch des Ratspräsidenten Edouard Herriot, das in Frankreich 1905 erlassene Gesetz der Trennung von Staat und Kirche diesen Departements aufzuerlegen, an der elsässischen Opposition. Die Elsässer und Lothringer möchten die während des deutschen Zeitraums erlangten Vorteile beibehalten: das Prinzip des Konkordats ebenso wie die soziale Absicherung. Einige drohten zuweilen damit, sich in Deutschland niederzulassen, wie es 1918 eine gewisse Anzahl von Pfarrern getan hatte.

Die Mitglieder des Klerus werden weiterhin als Beamte betrachtet: sie werden vom Staat ernannt und bezahlt. Die Protestantische Theologische Fakultät ebenso wie die Katholische Fakultät verbleiben innerhalb der Universität von Straßburg und ihre Diplome sind staatlich anerkannt. Der Religionsunterricht in den Schulen wird beibehalten und ist verpflichtend.

Im Verlauf des zweiten deutschen Zeitraumes (1940-1945) leiden die Kirchen ebenso wie die Bevölkerung sehr. 1941 wird das Prinzip des Konkordats abgeschafft und die Kirchen werden Körperschaften des privaten Rechts. Aber nach der Befreiung wird dieses Regime von Frankreich wieder hergestellt.

Die Annäherung der lutherischen und reformierten Kirchen in Europa

  • Kanzel der Robertsau in Strassburg (67) © Collection privée

Die Annäherung ist möglich geworden Dank des Endergebnisses eines Ende der 1960er Jahre begonnenen Diskussionsprozesses zwischen Theologen, Pfarrern und Verantwortlichen der lutherischen und reformierten Kirche in Europa. Die Diskussionen führen 1973 zur Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie, benannt nach einer kleinen Schweizer Stadt bei Basel, wo sie unterzeichnet wurde.

Darin wird anerkannt, dass die Unterschiede in der Lehre in Bezug auf das Abendmahl, die Christologie und die Prädestination, die im 16. Jahrhundert zum Bruch zwischen Luthertum und Calvinismus geführt hatten, an Aktualität verloren haben und die Spaltung der Kirchen nicht mehr rechtfertigen. Die Reformierten und die Lutheraner betonen ihr grundsätzliches Einverständnis über die wesentlichen Glaubensinhalte und besonders ihre Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Kanzelgemeinschaft bedeutet, dass ein lutherischer Pfarrer einer reformierten Kirche dienen kann und umgekehrt, ohne dass ein Glaubensbekenntnis von ihm verlangt werden könnte. Abendmahlsgemeinschaft bedeutet, dass die Gläubigen entweder in den lutherischen oder reformierten Kirchen am Abendmahl teilnehmen und ihre Gemeinde wählen können.

So kann seit 1973 ein Lutheraner oder ein Reformierter seiner persönlichen Auslegung des Glaubens treu bleiben und dabei Mitglied oder Geistlicher der anderen Konfession sein.

Das ist die Realität, die viele Gläubige erleben, die aus beruflichen oder familiären Gründen zur Mobilität gezwungen sind und ihren Platz in einer neuen Gemeinde finden müssen. Die Leuenberger Konkordie, heute Leuenberger Kirchengemeinschaft, lädt die unterzeichnenden Kirchen auch dazu ein, da, wo es möglich ist, auf eine institutionelle Einheit hinzuwirken.

Die Annäherung der beiden lutherischen und reformierten Kirchen im Elsass und im Departement Mosel

  • Kirche Sankt-Thomas in Strassburg (67) © Collection privée

Seit vielen Jahren handeln die beiden Kirchen gemeinsam. Seit Oktober 1969 setzen sich ihre Leitungsgremien zusammen, um gemeinsam einen beträchtlichen Anteil ihrer Aktivitäten zu regeln.

In diesem Prozess hatten sich in den 1980er und 90er Jahren bereits die ECAAL und die ERAL dazu verpflichtet, gemeinsame Dienstleistungen einzurichten, und sie hatten mit dem heikelsten Thema begonnen: der Katechese. Heikel, denn die Glaubensvermittlung an die Kinder bildet das Herzstück der christlichen Identität. Heikel auch aufgrund der Tatsache, dass die lokale Eigenart des Katechismus in den Schulen in Zusammenarbeit mit dem Rektorat (der Schulbehörde) liegt: es war besser, einen einzigen Gesprächspartner als Vertreter der Kirchen zu haben als mehrere Gesprächspartner, die jeder für sich zu verhandeln versuchen.

 

Die Gründung der Union der Protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen (UEPAL)

Die Union „mit der Aufgabe, gemeinsame Aktionen zu unternehmen und die Verbindungen zwischen den beiden protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen zu festigen“, wurde vom Dekret vom 26. März 2006 bestätigt, das ein Dekret von 1852 verändert. Dieses Dekret gibt der Annäherung einen offiziellen Rahmen und erlaubt, Entscheidungen mit der Mehrheit der Mitglieder der jeweiligen Instanz der Union zu treffen und nicht mehr wie zuvor mit der Mehrheit , die in jeder der beiden Kirchen festgestellt worden war.

Es bestätigt auch den Namenswechsel der beiden Kirchen, die nun wie folgt heißen:

  • Protestantische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass-Lothringen (EPCAAL) –lutherisch
  • Protestantisch-reformierte Kirche von Elsass-Lothringen (EPRAL) – reformiert

Die Union beinhaltet zwei Instanzen:

  • eine legislative Körperschaft: die Versammlung der Union bestehend aus 52 Mitgliedern
  • eine exekutive Körperschaft, die in zwei Formen tagt:
  • dem vollen Rat mit 15 Mitgliedern,
  • dem engeren Rat mit 6 Mitgliedern: vier Pfarrern und zwei Laien.

Jede der beiden Kirchen beschließt, der Union alle oder Teile ihrer eigenen Zuständigkeiten zu übertragen. Die erste der der Union übertragenen Zuständigkeiten betrifft die Pfarrer: die Union hat sich eine gemeinsame Kommission der geistlichen Ämter gegeben.

Die Pfarrer gehören nicht mehr der einen oder anderen Kirche an, sondern sind von nun an alle Pfarrer der Union.

Die Gemeinden bleiben verwaltungsmäßig an die eine oder andere Kirche gebunden, die in ihrer eigenen Organisation weiterbestehen und Mitglieder ihres jeweiligen Weltbundes bleiben.

Die beiden Kirchen behalten ihre Freiheit und entscheiden nach und nach, welche Bereiche von der Union behandelt werden oder in der jeweiligen Zuständigkeit verbleiben. Die eine oder andere Kirche kann somit weiterhin besondere Projekte entwickeln entsprechend der von ihren jeweiligen Instanzen definierten Ausrichtungen, dem lutherischen Oberkonsistorium oder der reformierten Synode.

Der Festgottesdienst zur Gründung der Union wurde am 7. Mai 2006 in der Thomaskirche in Straßburg nach dem Erscheinen des Dekrets gefeiert.

Die protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen heute

  • Silbermann-Orgel (Mozart 1778), Kirche Sankt-Thomas in Strassburg (67) © Collection privée
  • Eine Diakonisse des lutherischen Ordens von Neuenberg im Elsass © Fédération Protestante de France

Fast 300.000 Personen gehören den beiden Kirchen im Elsass und im Departement Mosel an, das bedeutet einen Anteil von etwa 10% der Bevölkerung, stark über dem der protestantischen Gesamtbevölkerung im übrigen Frankreich (etwa 2%). Doch die Anzahl der Gläubigen geht zurück.

Vier Fünftel etwa gehören der protestantischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses an, ein Fünftel etwa der protestantischen reformierten Kirche. Beide Kirchen zählen etwa 300 Pfarrer. Die Gemeinden sind sehr ineinander verschachtelt. Die Lutheraner sind in Straßburg und im Nordelsass in der Mehrheit, wo der Protestantismus am leichtesten Wurzeln geschlagen hat, während die Reformierten dort in der Mehrheit sind, wo die protestantische lutherische und reformierte Bevölkerung am wenigsten verbreitet ist: in Mühlhausen und im Südelsass sowie im Departement Mosel.

Seit dem 16. Jahrhundert nehmen Musik und Gesang breiten Raum im Gottesdienstablauf ein. Das ist auch heute noch so.

Die Kirchen von Elsass-Lothringen sind Vorreiter auf dem Gebiet der Ökumene gewesen mit der Schaffung von Gruppen von Pfarrern und Priestern im Jahre 1930 und 1967 mit der Gründung des Zentrums für ökumenische Studien in Straßburg unter der Schirmherrschaft des Lutherischen Weltbundes. Im Jahre 1973 hatte der Straßburger Bischof Elchinger sogar das gemeinsame Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken in bestimmten Fällen erlaubt (Mischehen).

Einige Religionsstunden werden gemeinsam von protestantischen und katholischen Kirchen organisiert. Die Kirchen von Elsass-Lothringen sind weiterhin sehr engagiert in der Ökumene und der Mission.

Die EPAL (die Protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen) sind bei den europäischen Institutionen in Straßburg vertreten und arbeitet mit den Kirchen in der Schweiz, der Pfalz und Baden zusammen. Der Protestantismus ist auch darüberhinaus aktiv im sozialen Bereich und im Erziehungswesen mit zahlreichen protestantischen Einrichtungen: die verschiedenen Pfarrbereiche der EPAL, das Erziehungszentrum Jan Amos Comenius mit seinen Schulen an zwei Orten in Straßburg, die Gemeinschaft der Schwestern von Hohrodberg in Münster, das Diakonissenhaus von Straßburg.

Ein Logo voll Offenheit und Pluralität

  • Logo de l'UEPAL
    Logo UEPAL © Collection privée

Das Logo der Protestantischen Kirchen von Elsass-Lothringen nimmt zwei christliche Symbole  auf: das Kreuz und den Fisch, die von zwei großen Kommata gebildet werden. Die unvollendete Linie des Fisches drückt den Geist der Offenheit aus, der diese Kirchen kennzeichnet.

Die Pluralität wird durch die Wiederaufnahme der beiden Farben ausgedrückt, die den beiden Kirchen eigen sind (das Grün des ehemaligen Logos der EPCAAL und das Blau der EPRAL). Diese werden auch durch die Netze dargestellt, die das Feld umrahmen, sowie durch die Bewegung der Kommata: indem die Kommata ihre jeweiligen Traditionen symbolisieren, laufen sie in ein und derselben Richtung zusammen.

Dieses Logo ersetzt die Erkennungszeichen der beiden Kirchen.

Bibliographie

  • Bücher
    • STORNE-SENGEL Catherine, Les protestants d’Alsace-Lorraine de 1919 à 1939 : entre les deux règnes, Collection Recherches et Documents, Société savante d'Alsace, 2003, Tome 71, p. 371

Dazugehörige Vermerke