Protestantismus in Belgien

Dieselben historischen Ereignisse wie in den Niederlanden, zu denen es lange gehörte, führen in Belgien zu ganz anderen Ergebnissen: Während der Kalvinismus in Holland die dominierende Religion darstellt, sind die Kalvinisten in dem überwiegend katholisch gebliebenen Belgien in der Minderheit.

Ausbreitung und Unterdrückung

  • Hofkapelle, Tempel von Brüssel © Collection privée

Die Gebiete des heutigen Belgiens und der Niederlande gehören im 16. Jahrhundert zusammen mit Luxemburg, dem Norden Frankreichs und dem Westen Deutschlands zu den 17 Provinzen der Niederlande. Die Fürstentümer dieses Burgundischen Reichskreises, die unter den Herzögen von Burgund im vorangegangenen Jahrhundert vereinigt worden waren, waren durch das Fürstbistum Lüttich voneinander getrennt.

Im Jahr 1500 wurde in Gent Karl V., der künftige Kaiser, König Spaniens und beider Sizilien geboren; 1515 fallen ihm die niederländischen Länder durch Erbschaft zu. Luthers Anschauungen verbreiten sich dort ebenso rasch, wie sie unterdrückt werden: Die Mönche Henri Voes und Jean van Esschen, Anhänger Luthers, werden 1523 auf dem Brüsseler Hauptplatz lebendig verbrannt. Von 1529 an publiziert Karl V. sogenannte „Verbots-placards“ und Tausende Verdächtige werden eingesperrt und getötet. Im Sturm der Reformation, der über Europa fegt, hat der mit Idelette de Bure aus Lüttich verheiratete Jean Calvin beträchtlichen Einfluss. Der calvinistische Reformator Guy de Brès (1522-1567) sollte eine besonders wichtige Rolle spielen; er schrieb für die spanischen Niederlande ein Glaubensbekenntnis, musste nach London und Genf fliehen und wurde schließlich in Valenciennes zum Tod durch den Strang verurteilt.

Die Unterdrückung verschärft sich unter der absolutistischen Herrschaft Phillips II. von Spanien (1555) und dem Terrorregime des Herzogs von Alba: 1568 lässt er 19 Adlige auf dem „Place du Grand Sablon“ in Brüssel sowie die Grafen von Egmont und von Horn auf dem Hauptplatz enthaupten; über 10.000 Verurteilungen werden von dem gefürchteten „Conseil des Troubles“ ausgesprochen. Trotz dieser Unterdrückung gelingt es nicht, die Reformation zu ersticken: 1566 wird der Anteil der Protestanten an der Bevölkerung auf 20%, etwa 300.000 Personen, geschätzt.

Im selben Jahr unterzeichnen mehr als 1.000 Adlige im „Eidverbund der Adligen“ ein Gesuch um Beendigung der Verfolgungen. Als es der Regentin Marguerite de Parme überreicht wird, sagte ihr Berater: „Fürchten Sie nichts, Madame, es sind nur Geusen (Bettler).“ Die Protestanten versammelten sich fortan unter dem Ruf: „Es leben die Geusen!“

Die Genter Pazifikation (1574) sollte den Reformierten Aufschub gönnen. 1577 nimmt ein aufständischer Rat das Rathaus in Brüssel ein und ruft die Republik aus. Er gestattet den Protestanten die Religionsausübung und die meisten großen Städte folgen seinem Beispiel. Es bleibt bei einer flüchtigen Episode, denn Alexander Farnèse erobert das Land nach und nach zurück: Die calvinistische Republik Brüssel kapituliert 1585, nur Ostende leistet bis 1604 Widerstand.

Zu Ende des 16. Jahrhunderts kommt es zur Auflösung der 17 Provinzen: Die Vereinten sieben Provinzen des Nordens bleiben kalvinistisch (Utrechter Union) und schließen sich 1588 zur Republik zusammen, die mittleren Provinzen (Artois, Flandern, Hennegau et Wallonien) sind katholisch und nehmen den Namen Spanische Niederlande an. Viele Protestanten verlassen das Land. Mehrere französischsprachige „wallonische“ Kirchen bilden sich im Norden der Niederlande, in Deutschland und England. Viele „Belgier“ lassen sich in Skandinavien und Preußen nieder oder überqueren den Atlantik.

Das 17. Jahrhundert bringt großes Unglück. Die Erzherzöge Albert und Isabella (1598-1633) unterstützen die Jesuiten und verfolgen die Auslöschung der Protestanten. Einige protestantische Kleingruppen in Brüssel und Anvers halten stand: in Brüssel gibt es in den Botschaften Englands und der Vereinigten Provinzen einen Hausgeistlichen; und in Anvers entsteht um den Maler Jordaens und die Gruppe „Olivier aus Brabant“ eine Kleingruppe. Aber das Land ist ein Jahrhundert lang der despotischen Regierung der Spanier unterworfen. Und Belgien wird zum Schlachtfeld der europäischen Großmächte. Durch die Kriege Ludwigs XIV. verlieren die Niederlande das Artois, das südliche Flandern (mit Lille) und Cambrai.

Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) kommen verbündete englische und batavische Truppen unter dem General J. Churchill, Herzog von Malborough, einem Beschützer der Reformierten, ins Land. Unter dem Schutz der holländischen Truppen werden in mehreren Städten Kirchen eröffnet (Namur, Tournai, Ypern …), aber überall sonst dauern die Verfolgungen an.

Im 18. Jahrhundert wird der Spanische Erbfolgekrieg in den Verträgen von Utrecht (1713) und Rastatt (1714) beendet, die spanischen Niederlande fallen den österreichischen Habsburgern zu. Im Zuge der Aufklärung verkündet Joseph II., Kaiser von Österreich, 1781 im ganzen Reich ein Toleranzedikt, das den Nichtkatholiken Gewissensfreiheit gewährt, im privaten Raum wird freie Religionsausübung gestattet. 1784 konnten die Protestanten eigene Familienbücher führen. Diese Religionspolitik und die damit verbundenen Justizreformen, die das traditionelle System umwarfen, führten zur „Brabanter Revolution“, nach der die Österreicher abziehen mussten und die Unabhängigkeit der „Vereinigten Belgischen Staaten“ ausgerufen wurde. Diese Episode war von kurzer Dauer, die österreichische Herrschaft wurde 1790 wieder hergestellt

Anerkennung des Protestantismus

  • Leopold I. von Belgien, Gemälde von Winterthaler © Collection privée

Der belgische Protestantismus wurde erst unter Bonaparte anerkannt: die organischen Gesetze des Konkordats, die Religionsfreiheit bedeuteten, erstreckten sich auf die annektierten „Vereinten Departements“. Die vorherige Hofkirche zu Brüssel überlässt man den Protestanten.

Der Wiener Kongress beschließt 1815 die Vereinigung der belgischen und holländischen Provinzen zu einem einzigen Staat, dem Königreich Holland, dessen Oberhoheit Wilhelm von Oranien-Nassau unter dem Namen Wilhelm I. zu übernehmen bereit ist. In seiner Regierungszeit wird die Bildung neuer protestantischer Gemeinden begünstigt und bei einer Bevölkerungszahl von 4 Millionen gab es kurz vor der Aufspaltung (1830) des Königreiches Holland in die Königreiche Belgien und Holland 15.000 Protestanten. Die Verfassung von 1831 sieht die Unabhängigkeit der Konfessionen (katholisch, protestantisch, anglikanisch, jüdisch) vom Staat vor und eine besondere Form finanzieller Ordnung für Gottesdienste, Seelsorge und Religionsunterricht.

Der erste belgische Souverän Leopold I. (1790-1865) war zwar Lutheraner, aber die katholische Geistlichkeit widersetzte sich noch bis zum Ende des Jahrhunderts der Ausbreitung des Protestantismus.

Dennoch kommt es im 19. Jahrhundert zur Bildung protestantischer Gemeinden und ausländische anglikanische Gesellschaften und Missionen breiten sich aus, besonders der Evangelikalismus, Methodismus und die Pfingstbewegung, die aus Holland, Deutschland und Amerika stammen. 1839 wird die Union Evangelisch-Protestantischer Kirchen durch den belgischen Staat anerkannt. Neben den offiziellen Strukturen bilden sich Freikirchen: 1854 die Brüderbewegung und 1875 eröffnet Pfarrer Nikolaus de Jonge in Brüssel eine Schule zur Ausbildung von Evangelisten, die auch Vincent van Gogh besucht.

Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Gesellschaft der Geschichte des belgischen Protestantismus gegründet, die belgische Gesellschaft zur protestantischen Missionierung im Kongo (1908) wird besonders aktiv.

Im Zweiten Weltkrieg werden unzählige Pfarrer deportiert oder hingerichtet. Seit 1962 arbeitet ein Teil der protestantischen Minderheit, darunter Reformierte und Methodisten, an der Annäherung der Kirchen, um in kleinen Schritten zur Gründung der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (EPUB) reformierter Prägung (1979) zu kommen: Der Staat erkennt die Kirche an und übernimmt die Bezahlung der Pfarrer. Diese Kirche engagiert sich für die Integration von Flüchtlingen und Migranten und für die Missionsarbeit vor allem in Ruanda. Gleichzeitig schließen sich die verschiedenen evangelischen Kirchen in der Fédération Évangélique Francophone de Belgique zusammen.

Seit 2003 gibt es den Conseil Administratif du Culte Protestant et Évangélique (CACPE), der den belgischen Protestantismus offiziell vertritt.

Von den gegenwärtig 10.500.000 Einwohnern sind ungefähr 8.750.000 katholisch et 145.000 protestantisch.

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