Die Cimade

Vertriebenen-Hilfskomitee aus den Vereinten Bewegungen

Die Cimade wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gegründet, um den Vertriebenen zu helfen. Später weitete sie ihre Tätigkeit auf die Flüchtlinge der ganzen Welt aus und tritt bis heute für ihre Rechte ein.

Gründung und erste Aktionen (1939-1945)

  • Lager von Gurs, wo 12 000 Juden interniert wurden © Cimade

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges alamiert Suzanne de Dietrich (1891-1981), Generalsekretärin der Fédération française des associations chrétiennes d’étudiants (FUACE, Französischer Verband christlicher Studentenvereine), die Verantwortlichen des Comité Inter-Mouvements de jeunesse (CIM), dass 200.000 Elsässer und Lothringer in die Départements im Zentrum und im Süden Frankreichs zwangsumgesiedelt werden sollen. Das CIM ist der Dachverband der Éclaireurs unionistes (EU, Vereinigte Pfadfinder), der Unions Chrétiennes de Jeunes Gens et de Jeunes Filles (Christliche Vereinigungen für Jungen und Mädchen) und der Fédération française des associations chrétiennes d’étudiants (Französischer Verband christlicher Studentenvereine).

Im Oktober 1939 gründen die Leiter des CIM die Cimade: soziale Hilfsgruppen werden gegründet, um die Flüchtlinge zu empfangen und ihnen in evangelischer[1] Gesinnung konkrete Hilfe anzubieten. Violette Mouchon (EU) hat den Vorsitz inne, Madeleine Barot (Fédération française des Associations Chrétiennes d’Étudiants) wird Generalsekretärin. Bald versuchen die Mitarbeiter all jenen zu helfen, die in die freie Zone geflüchtet sind und vom Vichy-Regime in Internierungslager gesperrt werden: Dabei handelt es sich um Flüchtlinge aus dem nazionalsozialistischen Deutschland, aus der besetzten französischen Zone oder aus dem von Franco beherrschten Spanien. Die Cimade ist besonders in den Lagern von Gurs und Argelès präsent.

Nach der großen Razzia im Juli 1942 („rafle du Vél d‘Hiv“), die die Deportation französischer jüdischer Familien nach Drancy und dann nach Auschwitz einleitet, und nach dem Einmarsch in die freie Zone gehen die Mitarbeiter der Cimade von einer Präsenz aus Solidarität zu aktivem Widerstand über. Sie organisieren Konvois, um allen Bedrohten und Verfolgten die Flucht in die Schweiz zu ermöglichen (sie kümmern sich um Tarnung, gefälschte Papiere, Begleitung u.a.). Madeleine Barot bittet das Rote Kreuz, den damals in Gründung begriffenen Ökumenischen[2] Rat, die Quäker und andere um Hilfe. Sie steht in Verbindung zum Ferienzentrum Coteau fleuri in Chambon-sur-Lignon und zu den Pastoren André Trocmé und Édouard Theis sowie zu mehreren anderen Jugendzentren in Marseilles, Toulouse, Nizza, Tarascon usw.

Das Kriegsende vermindert die Bevölkerungsströme nicht und die Cimade setzt ihre Arbeit für die Aufnahme von Flüchtlingen und deren Ausbildung fort. Dies geschieht in immer engerer Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Ökumenischen Rates der Kirchen. Sie entsendet Arbeitsgruppen in die deutschen Ruinenstädte, um eine Versöhnungsbewegung einzuleiten. Durch diese Aktionen öffnet sich die Cimade für andere Kirchen und organisiert in der Folge zahlreiche ökumenische Schulungen.

[1]              „Evangelisch“ lautet die Bezeichnung, die sich die Christen um Favel und Lefèvre d‘Étaples im 16. Jahrhundert geben, die eine Rückbesinnung auf das Evangelium fordern. Im 19. Jahrhundet übernehmen die Anhänger der Erweckungsbewegung diesen Namen. Heute bezeichnet man damit sowohl die lutherischen und reformierten Kirchen als auch die evangelikalen Kirchen, die aus den Erweckungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts hervorgegangen sind.

[2]              Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „Etwas, was sich auf die ganze Erde bezieht, die als ein gemeinsames, universelles Haus verstanden wird.“ Als Titel wird das Wort für bestimmte Räte, für den orthodoxen Patriarch von Konstantinopel oder für den Ökumenischen Rat der Kirchen verwendet.

Die Entkolonalisierung (1945-1966)

  • Sammlungsanstalt in Médéa © Cimade

Zu Kriegsende beginnt eine Entkolonialisierungsbewegung, die sich in verschiedenen Gegenden der Welt ausweitet und in den betroffenen Regionen in den 1960er Jahren in die Unabhängigkeit mündet. Die Cimade öffnet sich nun für die Dritte Welt und konzentriert dort ihre Kräfte. Sie gründet eine Arbeitsgruppe in Dakar und engagiert sich für die Opfer des Algerienkrieges. Mitarbeiter werden in Sammelstellen geschickt, in denen sich aus ihren Dörfern vertriebene Bevölkerungsgruppen zusammenfinden. Nach der Unabhängigkeit Algeriens übernimmt eine Nichtregierungsorganisation die Rolle der Cimade.

Flüchtlingshilfe (1965-1990)

Nach dem Krieg haben Wiederaufbau und Hilfe aus dem Marshallplan Frankreich eine Industrialisierungsbewegung und ein Wirtschaftswachstum ohnegleichen ermöglicht. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich; um die Nachfrage der Firmen zu befriedigen, müssen zunehmend Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden. Meist wird diesen Arbeitern eine Familienzusammenführung verwehrt und ist nur heimlich möglich; die Aufnahmebedingungen sind sehr schlecht. In den Vorstädten der großen Industriezentren entwickeln sich Slums. Um dem entgegenzuwirken, muss die Cimade ihre Organisation umstellen. Sie nennt sich fortan Cimade, ökumenisches Hilfswerk, und konzentriert ihre Aktionen auf drei Schwerpunkte:

  • Anlaufstelle für Migranten, die Opfer von Ausbeutung ausländischer Arbeiter geworden sind.
  • Flüchtlingshilfe für Personen, die in den 1960er Jahren aus Diktaturen entflohen sind, insbesondere aus Lateinamerika.
  • Entwicklungshilfe für die Dritte Welt zur Unterstützung von Menschen, die sich vor Ort für die Entwicklung ihres Landes einsetzten.

Selbst wenn die Cimade im Vergleich zu den großen Nichtregierungsorganisationen eine kleine Organisation bleibt, entwickelt sie eine ganzheitliche Strategie angesicht des engen Zusammenhangs zwischen Unterentwicklung, Migration und politischen Regimen, der einen ständigen Flüchtlingsstrom hervorruft.

Seit den 1980er Jahren: Verteidigung von Ausländerrechten

  • Barackenlager der CIMADE in Mayence © Cimade
  • Gefangenenlager in Rivesaltes © Cimade

Frankreich verfolgt eine Politik der Grenzschließung, die für die Ausländer sowohl die Einreise wie auch den Aufenthalt im Land erschwert. Die Cimade wendet sich daher der Verteidigung des Ausländerrechts zu: sie pocht darauf, die nationale Rechtsprechung und die internationalen Konventionen einzuhalten, besonders in den Abschiebehaftanstalten (Centres de Rétention Administratifs – CRA). Lange Zeit war die Cimade der einzige Hilfsverein, der in diesen Zentren zugelassen war.

Zudem betreibt die Cimade seit mittlerweile über 60 Jahren ein Unterkunftszentrum, das um die 100 Personen aufnehmen kann. Die Herkunft der Bewohner variiert im Laufe der Zeit stark. Anfangs sind es je zur Hälfte anerkannte Flüchtlinge, die auf eine dauerhafte Wohnung warten, und französische Studenten, die dort einen Teil ihres Studiums verbringen. Die Flüchtlinge kamen damals vor allem aus den ehemaligen kommunistischen Staaten und aus Lateinamerika, wo Diktatur oder Repression herrschten. Viele von ihnen hatten studiert und es erschien sinnvoll, sie mit jungen Leuten gehobenen kulturellen Niveaus zusammenzubringen, um ihre Integration in die französische Gesellschaft zu erleichtern. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat die Nachfrage nach Flüchtlingsunterkünften stark zugenommen und ihr weniger hohes Bildungsniveau ließ das Zusammenleben mit französischen Studenten weniger wichtig erscheinen. Deshalb wurde diese Form der kulturellen Mischung nach und nach aufgegeben.

Die Präsenz in den Auffanglagern und die Unterbringung der Flüchtlinge kosten so viel, dass es das Spendenniveau der Cimade bei weitem übersteigt. Diese beiden Aufgaben können nur mit finanzieller Unterstützung aus öffentlichen Geldern gestemmt werden. Aus ihren eigenen Mitteln gewährleistet die Cimade aber in ganz Frankreich Ausländerhilfe in Form von Anlaufstellen, Rat und Unterstützung. Die Empfänger dieser Hilfe sind oft in unlösbare Verwaltungsprobleme verstrickt.

Eine Organisation, die sich den aktuellen Herausforderungen stellt

  • Asylsuchende
  • Begrüssung in Batignolles © Cimade

Im Lauf der Geschichte hat die Cimade tiefgreifende Veränderungen mitgemacht. Seit den 1970er Jahren gibt es keine Arbeitsgruppen im Ausland mehr.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wurde eine ganz neue Regionalpolitik eingeführt. Dreh- und Angelpunkt ist nicht mehr die Arbeitsgruppe, sondern die örtliche Gruppe und das regionale Büro. Die ehrenamtlichen Kräfte in der Region spielen eine wesentliche Rolle in der Arbeit der Cimade. Sie sind stark in der Vollversammlung des Vereins vertreten und tragen so wesentlich zur Ausarbeitung seiner Politik bei.

Auch das Engagement der Cimade in den CRAs hat sich geändert. Die neuen Funktionsprinzipien der CRAs, die verschiedenen Rechtspersonen Aufgaben im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung zuteilen, haben dazu geführt, dass die Cimade eine Organisation unter anderen ist.

Überdies hat sich das konfessionnelle Engagement der Cimade verändert. Der erste Artikel ihrer Statuten vom Juni 2014 bezieht sich nicht mehr auf das Evangelium[1]:

„Das Ziel der Cimade besteht in einer aktiven Solidarität mit unterdrückten und ausgebeuteten Personen. Sie verteidigt die Menschenwürde und die Rechte von Flüchtigen und Migranten unabhängig von ihrer Herkunft, ihren politischen Meinungen oder ihren Überzeugungen.“

Dennoch ist sie gemäß der Präambel ihrer Statuten Mitglied der Fédération Protestante de France, behält ihre Bindung an den französischen Protestantismus bei und arbeitet weiter

[1]              Evangelium ist die Umschrift des griechischen Wortes für „Frohe Botschaft“. Im 2. Jahrhundert benannte man die Bücher, die die Geschichte des Lebens und die Lehre Jesu von Nazareth wiedergeben oder davon Zeugnis ablegen, Evangelien.

Autor: Bernard Picinbono

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