Der französische protestantische Gottesdienst heute

Der in der Bibel begründete Gottesdienst ist eine Gott gewidmete Zeit. Er ist eine Begegnung, deren Initiative Gott zukommt. Als Gemeinschaft macht er die Kirche in der Verschiedenheit ihrer Ausdrucksformen sichtbar. Die Orte und Liturgien spiegeln die Eigentümlichkeit des protestantischen Gottesdienstes wider.

Die Orte des Gottesdienstes

  • Die neue protestantische Kirche von Saint-Paul-la-Coste (Gard)

Um die Wahrheit zu sagen, brauchten die Protestanten weder Gebäude noch besondere Orte, um ihren Gottesdienst zu feiern, sind sie doch selbst „der Tempel Gottes“. Ort des Gottesdienstes ist überall dort, wo die Protestanten allein oder als Gruppe vereint in Häusern für Gott einen Gottesdienst feiern, die im Radio oder Fernsehen übertragenen Gottesdienste inbegriffen.

Die Mehrzahl der neuen evangelikalen Kirchen treffen sich in alten Kinos oder Lagerhallen. Doch die Gemeinde, als Antwort auf den Ruf Gottes, kommt meistens in einer protestantischen Kirche zusammen.

Genauer gesagt ist die protestantische Kirche weder ein geweihter noch ein heiliger Ort.

Die protestantischen Gotteshäuser sind im Prinzip die Woche über geschlossen (außer für  Trauungen, Beerdigungen, Konferenzen oder verschiedene Zusammenkünfte) und traditionell nur sonntags geöffnet (samstags für die Adventisten).

 

 

  • © Oratoire du Louvre - Paris
  • Gottesdienst im Museum der Wüste © Haussonville

Das Innere der reformierten Gotteshäuser erstaunt durch eine gewisse Nüchternheit, die dazu dienen soll, die versammelten Christen, die sich Gott zuwenden, nicht abzulenken. Das Mobiliar besteht aus Bänken oder Stühlen, einem Abendmahltisch unter der Kanzel, die oft mit einem Schalldeckel zum besseren Hörverständnis versehen ist. Der protestantische Brauch  will, dass eine große Bibel, gewöhnlich eine alte Bibel, immer offen auf dem Abendmahltisch liegt (rechts).

Die Lutheraner sprechen lieber von Kirchen als von Gotteshäusern, von Altar als von Tisch. Der Tisch dient einzig für die Eucharistiefeier und ist mit einem Tuch in der Farbe der liturgischen Zeiten bedeckt; in ihren Kirchen wird ein Lesepult benutzt, um die Bibel eventuell nach der Lesung  in Richtung der Gläubigen zu drehen, damit sie für alle sichtbar ist.

In den reformierten Gotteshäusern sind einzig Bibelverse in Stein oder Holz gemalt oder geschnitzt und im Allgemeinen erinnert ein einfaches Kreuz ohne Kruzifix den Christen an seine Identität. Es verdeutlicht auch, dass Christus auferstanden ist, dass er nicht mehr am Kreuz hängt. Bei den elsässischen Lutheranern sieht man nicht selten Kirchenfenster und Malereien mit dem Leben Jesu.

Orgeln schmücken die Rückwand des Gebäudes für die Zeiten der Musik und der Begleitung der Lieder der Gemeinde. Ein Harmonium genügt zuweilen. Auch andere Instrumente werden benutzt.

Der Gottesdienst kann auch im Freien stattfinden, zum Beispiel anlässlich der großen Versammlung im Musée du Désert, wo 15-20.000 Protestanten aus ganz Frankreich und sogar aus dem Ausland jedes Jahr am ersten Sonntag im September unter den Eichen und Kastanienbäumen des Mas Soubeyran (Mialet, Gard) zusammenkommen, um der heldenhaften Zeiten des Glaubens während der Verfolgung der Hugenotten zu gedenken.

Der Sonntagsgottesdienst bei den Lutheranern und den Reformierten

  • Amtskleidung der Pfarrers : einTalar © Isabelle de Rouville
  • Die Rolle der Frauen im Protestantismus © © Sophie Reille - Réforme

Der Sonntagsgottesdienst versammelt eine mehr oder weniger große Gemeinde um das Wort Gottes und die Sakramente. Gewöhnlich trägt der Pfarrer einen schwarzen Talar, der kein Messgewand ist, sondern das Zeichen seiner Rolle als Lehrer des Alten und Neuen Testamentes. Das bedeuten die beiden weißen Beffchen, die über dem Talar hängen. Es kommt auch vor, dass der Pfarrer zivil gekleidet ist oder mit einem weißen Gewand, besonders bei den Lutheranern. In den reformierten und lutherischen Kirchen gibt es Pfarrerinnen. Das ist eine Besonderheit der protestantischen Kirchen. Aber es kommt auch vor, dass ein theologisch ausgebildeter Laienprediger, vom Pfarrer beauftragt, einem Sonntagsgottesdienst vorsteht.

Die Vorbereitung eines Gottesdienstes verlangt eine gewisse Sorgfalt und Zeit. Der Pfarrer oder Prediger sucht zunächst den oder die biblischen Texte des Tages aus und im allgemeinen die drei Kirchenlider, die am besten zu seiner Predigt passen. Dann setzt er sich mit dem Organisten in Verbindung, der die Lieder begleitet und einige Stücke alleine spielt. Er kann die fortlaufende Lesung eines Textes im Verlauf der Sonntage wählen oder in einem ökumenischen Geist der Lektüreliste der von der katholischen Kirche für das ganze Jahr ausgewählten Texte folgen. Gewöhnlich wird nacheinander aus dem Alten Testament, dann aus den Briefen und schließlich aus den Evangelien gelesen. Aber die Wahl bleibt dem Pfarrer vorbehalten und kann sich auch auf einen einzigen Text oder einige Verse beschränken.

Der Ablauf eines Gottesdienstes, Liturgie genannt, in der lutherischen und reformierten Tradition

  • Pfarrer auf der Kanzel, dahinter die Abendmahlskelche © Cécile Lhermitte
  • © Godong
  • © Oratoire du Louvre - Paris
  • Protestantische Taufe © Collection privée

Le culte protestant se pratique en langue vernaculaire dès l’origine de la Réforme. La liturgie s’est progressivement structurée. Le culte est le lieu d’une rencontre entre Dieu et les hommes. Il commence par un accueil de l’assemblée, suivie d’une salutation, d’une louange adressée à Dieu après que la grâce première de Dieu ait été proclamée. Il se poursuit par le chant d’un psaume, une confession du péché, l’annonce du pardon de Dieu, le rappel de la volonté de Dieu afin que l’homme ne se recentre pas sur lui-même. Le tout est ponctué de prières et répons chantés, choisis en fonction des temps liturgiques (de l’Avent et Noël, de la Passion, de Pâques, de Pentecôte et de l’Église). A noter l’importance pour les seuls luthériens de faire usage de couleurs liturgiques (violet, blanc, vert et rouge) pour marquer les temps liturgiques.

Der protestantische Gottesdienst wird seit seinem Ursprung in der Ortssprache gehalten.

Die Liturgie hat sich nach und nach entwickelt. Der Gottesdienst ist ein Ort der Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Er beginnt mit einem Empfang der Gemeinde, gefolgt von einem Willkommensgruß, von einem Lob an Gott, nachdem die vorhergehende Gnade Gottes verkündet wurde. Er setzt sich fort mit dem Gesang eines Psalms, einem Bekenntnis der Sünden, der Verkündigung der Vergebung Gottes, der Erinnerung an Gottes Willen, damit der Mensch sich nicht nur auf sich selbst besinnt. Alles wird von Gebeten und gesungenen Antworten unterstrichen, die je nach den liturgischen Zeiten ausgewählt werden (Advent und Weihnachten, Passion, Ostern, Pfingsten und Zeit nach Trinitatis). Dabei ist es wichtig (nur für die Lutheraner), die jeweiligen liturgischen Farben zu beachten (lila, weiß, grün, rot), um die liturgischen Zeiten zu kennzeichnen. Die Gemeinden besitzen im allgemeinen Psalmen- und Liederbücher. Kirchenlieder umrahmen die Bibellesungen und die Predigt, das grundlegende Herzstück des protestantischen Gottesdienstes, Exegese und lebendiges Wort. Der Lesung geht ein Gebet voraus, das den heiligen Geist anruft, Gebet der Erleuchtung genannt, damit Gottes Wort für die Gläubigen heute kein toter Buchstabe bleibt, sondern für das Unerwartete, für die Aktualität der Botschaft Christi offen ist.

Die Predigt dauert etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten. Dieser Moment hilft der Gemeinde, Abstand von den Ungewissheiten des täglichen Lebens zu gewinnen.

Eine gute Predigt soll zum Nachdenken anregen. Bei den Lutheranern und Reformierten ist sie zuweilen von einem gewissen Intellektualismus geprägt. Die Bitt-, Dank- und Fürbittengebete und das Vaterunser erfordern einen nüchternen Ton und Schweigeminuten als geistliche Atmung. Auf keinen Fall darf die Gemeinde den Mittelpunkt verlieren, der Christus ist, sonst wird sie von ihren Wurzeln getrennt. Von seiner Kanzel aus ist der Prediger der Treffpunkt zwischen dem ewigen Wort Gottes und den menschlichen Worten, die den Text im aktuellen Kontext auslegen. Nach der Predigt und einem Musikstück bekennt die Kirche ihren Glauben, indem sie entweder das Apostolische Glaubensbekenntnis spricht oder eines der Glaubensbekenntnisse, die aus den Kirchen der Reformation hervorgegangen sind, oder auch ein Bekenntnis nach der persönlichen Wahl des Pfarrers, sodass es wirklich zu einem Bekenntnis des Glaubens wird. Ankündigungen, die Nachrichten aus der Welt und dem lokalen, regionalen und nationalen Kirchenleben bringen, wird Raum gewidmet.

Sie sind gefolgt von der Spende als Zeichen der Dankbarkeit. Die Gottesdienste enden mit einem Fürbittengebet und einer Aussendung in die Welt, damit die Gläubigen dort ihren Glauben leben und bezeugen. Der Schlusssegen bezeugt der auseinandergehenden Gemeinde, dass der Friede Gottes jedes ihrer Glieder in seiner Mission draußen in der Stadt begleitet.

Während des Gottesdienstes können die beiden von den Protestanten anerkannten Sakramente eingeschoben werden, das heißt das Abendmahl in unterschiedlicher Häufigkeit je nach Gemeinde (vier Mal im Jahr, zwei Mal im Monat, jeden Sonntag) und die Taufe (von Erwachsenen und von Kindern).

Das Abendmahl ist bei den Protestanten kein dem Gottesdienst zugrunde liegender Pflichtteil. Es handelt sich um das Mahl, zu dem der Herr selbst die Christen einlädt und in dem er sich ihnen darbringt. Die reformierten und die lutherischen Gläubigen teilen das Brot (oder die Hostie bei den Lutheranern) und den Wein. Brot und Wein haben selbst nur einen symbolischen Wert. Indem sie das Abendmahl feiern, verkündigen die Gläubigen den Tod Christi, durch den Gott die Welt mit sich versöhnt hat. Sie bekennen die Gegenwart des auferstandenen Herrn unter ihnen. Den gesprochenen Worten haftet die Symbolik der Dreifaltigkeit an: während der Präfation (Vater), der Einsetzungsworte und Anamnese (Sohn), der Epiklese (Heiliger Geist).

Die Gemeinde nimmt das Abendmahl im Kreis ein. Wort und Sakrament stehen nicht im Gegensatz zueinander. Im Abendmahl geht es um dasselbe Wort, das lebt, aber als Tat, Zeichen, Leben. Das Wort geht alle Menschen an. Das Sakrament des Abendmahls ist ein Gedenken an die letzte Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern, um sie auf ewig zu binden.

Obwohl es gemeinschaftlich eingenommen wird, ergreift das Abendmahl jeden Einzelnen. Damit vereint es die Gemeinde zu einem einzigen Körper, denn es ist die Berufung der Kirche, der Leib Christi zu sein.

Die Taufen finden oft am Sonntag statt, um die Integration des Täuflings (Kind oder Erwachsener) in die Gemeinde zu bezeugen und ihm zu bedeuten, dass er dort immer seinen Platz haben wird, auch wenn er sich davon entfernen sollte. Es ist üblich, dass der Pfarrer das Kind der Gemeinde vorstellt.

Auch wenn in den lutherischen und reformierten Kirchen ein liturgischer Rahmen besteht, so wird doch jeder Pfarrgemeinde eine große Freiheit eingeräumt.

 

Der Gottesdienst in den evangelikalen Kirchen

  • Evangelische Pfingstler-Kirche von Narbonne
  • Taufe durch vollständiges Eintauchen des Körpers © FEEBF

In vielen evangelikalen Kirchen wird der spontanen Wortergreifung viel Bedeutung beigemessen in Form von Zeit für freie Gebete, für Lebenszeugnisse, für Lobgesänge, Lesung von Bibelversen. Der Kirchengesang ist sehr verschieden von einer Kirche zur anderen.

Zeitgenössische Lieder auf „Variété“-Musik, die mit der charismatischen Bewegung entstanden sind, sind viel häufiger als die Hymnen und Kirchenlieder protestantischer Tradition. Die Evangelikalen legen weniger Wert auf eine Liturgie, die als etwas streng oder erstarrt angesehen wird. Ihre Kirchen erwarten von ihren Mitgliedern ein starkes Engagement im Gemeindeleben. Der Gottesdienst ist lebendig, festlich, mit Orchestermusik und Klatschen in der Gemeinde, um das Schlagzeug zu begleiten und die Freude über dieses Herzstück des Gottesdienstes auszudrücken. In einigen Fällen erreicht das Schlagzeug eine unzweifelhafte Expressivität. Für die Evangelikalen ist das Abendmahl vor allem ein Gedenkmahl, das auf Christi Verlangen gefeiert wird bis zu seiner Wiederkehr.

In den baptistischen Kirchen gibt es eine große Vielfalt an gottesdienstlichen Formen. Der Gottesdienst ist die zentrale Zeit der Begegnung untereinander und der gemeinsamen Begegnung mit Gott. Er ist das Lob einer brüderlichen Gemeinschaft, das Gott durch Jesus Christus gewidmet ist, aber in dem der Ausdruck der individuellen Frömmigkeit stärker ist als der gemeinschaftliche Ausdruck des Glaubens. Darum werden die Texte der christlichen Tradition, die Glaubensbekenntnisse zum Beispiel, oft nicht benutzt.

In den Pfingstgemeinden dauern die Gesänge zwischen fünfzehn und dreißig Minuten, je nach Umständen und Orten. Jeder Teilnehmer wird aufgefordert, Gott sein Lob darzubieten mit den Worten seines Herzens. Die Zeit des Lobes jedes Gläubigen ist verschieden je nach der Inbrunst, mit der es dargeboten wird. In dieser Zeitspanne kommen die Charismen zum Ausdruck. Es handelt sich vor allem um Gaben des Zungenredens und der Heilung. Vor dem Abendmahl liest eine beauftragte Person aus der Bibel und man spricht ein Dankgebet. Die Predigt kann die Form einer Ermahnung oder Erbauung und manchmal eines Bibelstudiums annehmen. Bei den Ankündigungen werden Projekte, Bedürfnisse der Ortskirche, aber auch die anderer Gemeinden in Frankreich oder in der Welt vorgestellt, Nachrichten aus der Mission oder humanitäre Aktionen.

Ein erstaunliches Phänomen sind die protestantischen Zigeunergemeinden der Welt, die sich zu einer weltweiten kirchlichen Bewegung zusammenschließen. Der Gottesdienst, der mit der Evangelischen Zigeunermission (MET) gefeiert wird, kann unter einem Zeltdach 30.000 Personen versammeln, die in Wohnwagen aus allen Ländern Europas angereist sind.

Die Inbrunst ist dabei besonders stark. Die Taufe, immer im Erwachsenenalter, geschieht durch Eintauchen wie in den evangelikalen Kirchen. Die Zigeunermission gehört zur protestantischen Föderation Frankreichs.

So drückt im Protestantismus jede Ortskirche ihren Glauben je nach ihrem Bibelverständnis, ihren Traditionen, theologischer Sensibilität und der Soziologie der Gemeinden aus. So entsteht eine große Vielfalt der Gottesdienstformen.

Bibliographie

  • Bücher
    • GAGNEBIN Laurent, Le culte à Chœur ouvert, Labor et Fidès, Genève, 1992
    • REYMOND Bernard, Liturgies en chantier, Belle Rivère, lausanne, 1984

Dazugehörige Vermerke