Ausbildung
John Wesley wird 1703 als Sohn des Geistlichen der Kirche von England Samuel Wesley (1662–1735), damals Pfarrer von Epworth, geboren. Seine Eltern stammen aus einem streng puritanischen Umfeld. Sein Großvater mütterlicherseits, Dr. Samuel Annesley, gehört zu den bedeutenden Theologen des Puritanismus. Sein Großvater väterlicherseits, ein Laienprediger, wird Opfer der religiösen Repressionen nach der Thronbesteigung Karls II.
Dennoch schließen sich seine Eltern schon früh der Kirche von England an. Sein Vater Samuel Wesley nimmt sein Pfarramt mit großem Ernst wahr. Von einem ausgeprägten Sinn für Ordnung und Disziplin geleitet, zieht er sich durch seinen strengen Rigorismus den Unmut einiger Gemeindemitglieder zu. Seine Mutter Susanna Wesley wird durch ihre Erziehungsmethode berühmt, mit der sie ihre neunzehn Kinder in einer strengen Disziplin erzieht, um ihnen schon früh die Grundsätze des christlichen Glaubens und der Frömmigkeit einzuprägen. Der junge Wesley wächst somit in einer tief religiösen Atmosphäre auf.
Schon als Kind erlebt Wesley eine Art „Feuertaufe“, als das Pfarrhaus von Epworth abbrennt und er nur wie durch ein Wunder den Flammen entkommt. Nach seinem Abschluss in Oxford wirkt er von 1727 bis 1729 als Hilfsgeistlicher seines Vaters. Währenddessen gründet sein jüngerer Bruder Charles einen kleinen Kreis besonders frommer Studenten. Nach seiner Rückkehr nach Oxford übernimmt John Wesley die Leitung dieser Gruppe. Dieser Holy Club (1729–1735) widmet sich dem Studium der antiken Autoren und der Bibel. Seine Mitglieder legen großen Wert auf Disziplin, befolgen die Heilige Schrift gewissenhaft und nehmen jeden Sonntag in der Christ Church am Abendmahl teil. Wegen ihrer methodischen Lebensweise werden sie bald spöttisch „Methodisten“ genannt.
Die amerikanische Erfahrung
1735 wird John Wesley zum Priester der Kirche von England geweiht und reist gemeinsam mit seinem Bruder sowie zwei Freunden nach Georgia in Nordamerika, um die indigene Bevölkerung zu missionieren. Während der Überfahrt lernt Wesley Deutsch, um sich mit den Herrnhuter Brüdern (Mährischen Brüdern) verständigen zu können. Nach einer beschwerlichen Reise, deren Alltag von Andacht, Mission und Studium geprägt ist, erreicht er schließlich Georgia.
Wesley betrachtet Amerika als „Missionsland“. Sein erklärtes Ziel besteht unter anderem darin, den Einfluss der Quäker zurückzudrängen. Er ist jedoch enttäuscht, dass er kaum Gelegenheit erhält, unter den indigenen Völkern missionarisch tätig zu werden. Er kehrt deshalb nach Europa zurück, wobei sein Kontakt mit den Herrnhutern seinen bisherigen Glauben tief erschüttert hat.
Vor seiner Rückkehr nach Großbritannien reist er zunächst nach Deutschland und besucht Marienborn sowie Eisenach, die Geburtsstadt Martin Luthers.
Wieder in London angekommen, schließt sich John Wesley der Herrnhuter Gemeinde an. Am Abend des 24. Mai 1738 erlebt er während einer Versammlung eine tiefgreifende religiöse Erfahrung. Er gewinnt die innere Gewissheit, dass ihm seine Sünden vergeben sind, und schreibt später, sein Herz sei „auf seltsame Weise erwärmt“ worden (strangely warmed). Dieser Tag gilt ihm als seine eigentliche geistliche Wiedergeburt. Er erkennt, dass allein Christus sein Heil bewirkt. Dieses Bekehrungserlebnis wird zu einem grundlegenden Merkmal des Methodismus.
Fünfzig Jahre unterwegs im Dienst des Glaubens
John Wesleys Alltag folgt über Jahrzehnte einem nahezu unveränderten Rhythmus. Jeden Morgen steht er um vier Uhr auf, um bereits um fünf Uhr die erste Versammlung des Tages zu leiten. Anschließend steigt er – in der Kleidung eines anglikanischen Geistlichen, jedoch ohne Perücke, mit einem Buch in der Hand und wegen der schlechten Straßen in Reitstiefeln – auf sein Pferd, nachdem er seine Reise sorgfältig vorbereitet hat.
Ob Wind oder Regen, Schnee oder drückende Hitze – sobald er das Dorf erreicht, in dem man ihn erwartet, versammelt er die Mitglieder der methodistischen Gemeinschaft. Gestattet ihm der anglikanische Pfarrer die Nutzung der Kirche, predigt Wesley dort. Ist der Andrang zu groß, spricht er vom Kirchhof oder aus einem Fenster. Bleiben ihm die Kirchentüren verschlossen, predigt er auf dem Marktplatz, in einer Scheune, unter einem großen Baum, am Strand oder auf einer Wiese. Ein- oder zweimal am Tag richtet er sich zudem spontan an die Bewohner des Ortes – auf einem Stuhl oder einem großen Stein stehend, mitten auf der Hauptstraße. Da die Menschen nicht von selbst in die Kirchen kommen, sucht er sie dort auf, wo sie leben und arbeiten.
Dieses Leben ständiger Predigtreisen dauert achtundvierzig Jahre. Als unermüdlicher und genügsamer Reisender verweilt Wesley jeweils nur wenige Tage in einer Stadt, durchquert Dörfer, ruft die Menschen zur Umkehr auf und setzt anschließend wochenlang seine Reise fort. Nur gelegentlich kehrt er für kurze Zeit nach London zurück, um dort die nächste Predigtreise vorzubereiten. Kaum etwas veranschaulicht seine Hingabe und seinen Glauben besser als die arbeitsame Gleichförmigkeit seines Lebens.
Glaube und Gesetz
Im Jahr 1741 trennt sich Wesley sowohl von den Lutheranern als auch von den Calvinisten. Den Lutheranern wirft er vor, die Gnade einseitig auf Kosten des göttlichen Gesetzes zu betonen. Den Calvinisten widerspricht er vor allem in ihrer Lehre von der Prädestination. Bereits sein Vater, ein überzeugter Vertreter der High Church, hatte den Calvinismus entschieden abgelehnt. Wesley selbst empfindet sein Leben lang eine tiefe Abneigung gegen das, was er den „schrecklichen Ratschluss“ (the horrible decree) nennt.
Stattdessen bekennt sich Wesley zum Arminianismus. Dem streng lehrhaften Calvinismus setzt er die Überzeugung entgegen, dass wahres Christsein durch eine persönliche Bekehrung entsteht. Der Mensch muss zum wahren Glauben „erweckt“ werden. Dieses geistliche Erwachen, diese Auferstehung zu einem neuen Leben, schöpft seine Inspiration unmittelbar aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser. Zugleich bedeutet es eine Rückkehr zur Kirche der ersten Christen, zu einem „schriftgemäßen Christentum“ (scriptural Christianity).
Während seines gesamten Wirkens stellt Wesley die Lehre von der Heiligung der Lehre von der Erwählung gegenüber. Nach seiner Auffassung macht die Erwählungslehre „die Verkündigung des Evangeliums überflüssig; sie lähmt jedes Streben nach Heiligkeit und jeden religiösen Eifer; sie macht die Offenbarung unnötig und bringt sie zugleich in Widerspruch zu sich selbst; sie verfälscht das Wesen Gottes, indem sie ihn als parteiisch und ungerecht erscheinen lässt.“
Wesley verwirft jedoch keineswegs das göttliche Gesetz. Für ihn lebt der Gläubige nach dem Gesetz der Liebe, das sich in den Worten Jesu zusammenfasst:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft … und deinen Nächsten wie dich selbst.“
(Markus 12,30–31).
Indem Wesley den Gott verkündet, der sich dem Menschen offenbart, bekämpft er zeitlebens den Deismus der Aufklärung. Seine Lehre von der christlichen Vollkommenheit weist zugleich Züge eines christlich geprägten optimistischen Humanismus auf. Im praktischen Leben kämpft Wesley mit großer Entschlossenheit gegen die Sünde. Als Mann klarer Grundsätze und strenger Logik lehnt er jede Form eines resignierten Fatalismus ab, den er als Folge der calvinistischen Prädestinationslehre betrachtet.
Weder Sekte noch Kirche
John Wesley zählt zu den bedeutendsten Predigern der Kirchengeschichte. Seine Verkündigung ist schlicht, klar, kraftvoll und eindringlich. Bereits ab 1733 hält er seine Predigten frei, ohne schriftliche Notizen. Die später veröffentlichten Predigten stimmen nicht unbedingt mit den tatsächlich gehaltenen Predigten überein. Sie dienen einerseits der Unterweisung der Methodisten und andererseits dazu, seine theologischen Überzeugungen einem breiteren Publikum darzulegen. Es handelt sich vor allem um Lehrpredigten, deren Theologie stets auf das praktische christliche Leben ausgerichtet ist.
Wesley veröffentlichte niemals eine systematische Dogmatik oder ein Werk, das mit Calvins Institutio Christianae Religionis oder den theologischen Schriften Luthers vergleichbar wäre. Als er die Glaubensgrundlagen der methodistischen Bewegung zu bestimmen versucht, verweist John Wesley auf drei maßgebliche Quellen: die Beschlüsse der methodistischen Konferenzen – einer Art jährlich tagender Synoden (ab 1744) –, seine Anmerkungen zum Neuen Testament sowie die maßgeblichen Predigten (Standard Sermons).
Die Beschlüsse der Konferenzen behandeln nicht nur Fragen der Organisation und der Disziplin, sondern insbesondere in den ersten Jahren auch Lehrfragen. Die wichtigsten Entscheidungen werden in den Minutes of Several Conversations (1763) zusammengefasst.
1754 veröffentlicht Wesley seine Explanatory Notes upon the New Testament. Dabei stützt er sich unter anderem auf frühere Arbeiten von John Guyse (1680–1761), Philip Doddridge (1702–1751) sowie des deutschen Pietisten Johann Albrecht Bengel (1687–1752).
Seine veröffentlichten Predigten fasst Wesley in mehreren Sammlungen unter dem Titel Sermons on Several Occasions zusammen. Vier Bände, die später als Standard Sermons bezeichnet werden, bilden den theologischen Bezugsrahmen für diejenigen, die in den methodistischen Versammlungen predigen.
Die zwölf Regeln für den Prediger
- Seid fleißig. Verbringt keinen Augenblick untätig. Beschäftigt euch nicht mit Nebensächlichkeiten. Verschwendet keine Zeit und verwendet niemals mehr Zeit auf eine Sache, als unbedingt notwendig ist.
- Seid ernsthaft. Euer Wahlspruch sei: „Heiligkeit dem Herrn.“ Vermeidet jede Leichtfertigkeit, jeden Scherz und jedes oberflächliche Gespräch.
- Pflegt nur selten und mit großer Umsicht Umgang mit Frauen, insbesondere mit jungen Frauen.
- Unternehmt keine Schritte im Hinblick auf eine Heirat, ohne intensiv gebetet und eure Brüder um Rat gefragt zu haben.
- Nehmt keine schlechten Berichte über jemanden ungeprüft an. Glaubt nichts Böses, solange ihr es nicht selbst gesehen habt. Wählt in allen Dingen die wohlwollendste Auslegung. Denkt daran, dass ein Richter eher zugunsten des Angeklagten entscheiden sollte.
- Redet schlecht über niemanden, damit eure Worte nicht wie ein Geschwür um sich greifen. Behaltet eure Gedanken für euch, bis ihr der betreffenden Person persönlich gegenübersteht.
- Sagt jedem offen, was ihr an ihm für falsch haltet, und zwar schlicht und möglichst bald, damit euer Herz nicht davon vergiftet wird. Beeilt euch, dieses Feuer aus eurem Inneren zu entfernen.
- Gebt euch nicht vornehm oder geschniegelt. Das würde euch ebenso wenig stehen, wie wenn ihr einen Tanzmeister nachahmen würdet. Ein Prediger des Evangeliums ist der Diener aller.
- Schämt euch für nichts außer für die Sünde. Schämt euch weder, Holz zu holen (wenn ihr Zeit dazu habt), noch Wasser zu schöpfen oder eure eigenen Schuhe oder die eures Nächsten zu putzen.
- Seid pünktlich. Tut alles genau zur rechten Zeit. Haltet euch im Allgemeinen lieber an unsere Regeln, als sie verändern zu wollen – nicht aus Furcht, sondern aus Gewissensgründen.
- Ihr habt keine andere Aufgabe, als Menschen zum Heil zu führen. Darum setzt eure ganze Kraft für dieses Werk ein. Geht nicht nur zu denen, die euch brauchen, sondern besonders zu denen, die euch am dringendsten brauchen. Vergesst dabei nicht: Eure Aufgabe besteht nicht in erster Linie darin, sich immer wieder um diese oder jene Gemeinschaft zu kümmern, sondern möglichst viele Menschen zu retten und sie anschließend mit allen Kräften auf dem Weg jener Heiligkeit voranzubringen, ohne die niemand den Herrn sehen wird. Denkt außerdem daran, dass ein methodistischer Prediger sich um alle Bereiche der Ordnung und Disziplin kümmern muss – um die großen ebenso wie um die kleinen. Deshalb braucht ihr all euren gesunden Menschenverstand und alle Fähigkeiten, die euch gegeben sind.
- Handelt in allem nicht nach eurem eigenen Willen, sondern als „Söhne des Evangeliums“. Verwendet eure Zeit so, wie wir sie euch zuweisen. Ein Teil soll der Verkündigung und den Hausbesuchen dienen, der andere der Meditation und dem Gebet. Vor allem aber gilt: Wenn ihr mit uns im Weinberg des Herrn arbeitet, müsst ihr den Teil der Aufgabe übernehmen, den wir euch übertragen – zu der Zeit und an dem Ort, die wir für die Ehre Gottes als die geeignetsten ansehen.
Ebenfalls zu entdecken :
John Wesley, Vater des Methodismus (Ein Film von Jean-Yves Fischbach)