Der Theologe
André-Numa Bertrand wird 1876 in Milhaud bei Nîmes geboren, wo sein Vater Pastor ist.
Nach seinem Studium der Theologie, dann der Philosophie in Genf möchte er nach Madagaskar reisen im Dienst der Gesellschaft der evangelischen Missionen von Paris. Aber seine Kandidatur wird abgelehnt wegen seiner theologischen Stellungnahmen, die als zu liberal betrachtet werden.
1899 wird er zum Pastor geweiht und beginnt zunächst sein Amt in Fau (1899-1902), in Castres (1902-1914), danach in Lyon (1914-1926) und schließlich im Oratorium des Louvre in Paris (1926-1946).
Seine Theologie nähert sich dem Symbolo-Fideismus, der, indem er das Prinzip der Autorität ablehnt, eine Religion des Geistes anbietet, die sich auf die geistliche Erfahrung gründet und auf das Evangelium, deren Quelle sie ist.
In seinem 1931 erschienenen Buch Protestantismus: einfache Bemerkungen über einige Aspekte des religiösen Problems findet sich ein Aufruf zu dem inneren Leben, das sich vom Werk und von der Person Christi nährt.
Das Engagement für die Vereinigung der reformierten Kirchen
1922 wird Pastor Bertrand zum Präsidenten des Generalkomitees der Union der Reformierten Kirchen (UER), der liberalen Strömung der reformierten Kirchen, gewählt. Als solcher engagiert er sich in den Diskussionen zwischen den reformierten Kirchen. Er ist der Meinung, dass die kirchliche Einheit weder ein Auftrag der Lehre noch der Geschichte ist: sie kann sich nur in einem geistlichen Rahmen vollziehen, der erlaubt, die Starrheit der Dogmen zu überschreiten. Er ist sich dessen bewusst, dass dieses Werk langwierig ist, und dass man vorsichtig, aber ständig vorangehen muss.
Zu Beginn der Dreißiger Jahre beginnen Gespräche mit dem Ziel einer Union der reformierten Kirchen auf Initiative von Pastor Marc Boegner. Als Ko-Präsident der gemischten Delegation, die zu diesem Zweck gebildet wurde, arbeitet Pastor Bertrand an der Seite des anderen Ko-Präsidenten Pastor Maurice Rohr, dem Präsidenten des Ständigen Rates der Union der Reformierten und Evangelikalen Kirchen (UERE). Seine Rolle ist entscheidend für die Ausarbeitung der von der Synode 1872 inspirierten Glaubenserklärung, die von den Liberalen nicht akzeptiert worden war. Sie beinhaltet zahlreiche Ergänzungen in Bezug auf die Mission der Kirche. 1936 kommt es zu einem Einvernehmen.
Aber es bleibt die Aufgabe, einen Beitrittstext zu dieser Erklärung für die Pastoren bei ihrer Einsegnung zu schreiben. Dieser Text, Präambel genannt, den Pastor Bertrand durchgesetzt hat, um die Ideen der liberalen Pastoren zu verteidigen, führt zu heftigen Diskussionen mit den reformierten, orthodoxen und evangelikalen Pastoren und denen der Freikirchen und der Methodisten. Die Diskussionen gehen weiter während der gesetzgebenden Versammlung der Reformierten Kirche Frankreichs in Lyon im April 1938. Dank des Pastors Bertrand führt die Abstimmung zu folgender Abfassung: “Sie geben Ihre Zustimmung freudig als freie und persönliche Bestätigung Ihres Glaubens. Ohne sich an den Wortlaut der Formeln zu klammern, werden Sie die Heilsbotschaft, die diese ausdrücken, verkünden …“
So bewahrt diese Präambel eine gewisse Freiheit des Engagements der Pastoren, indem sie einen theologischen Pluralismus respektiert, aber somit gleichzeitig die Lehrformeln der Glaubenserklärung abschwächt.
Die Bildung der Reformierten Kirche Frankreichs ist ein unleugbarer Erfolg: die meisten reformierten Kirchen treten der Reformierten Kirche Frankreichs bei. Aber die Vereinigung ist nicht vollständig: die übrigen Kirchen bilden die Reformierten Evangelikalen Unabhängigen Kirchen (EREI) oder bleiben getrennt.
Eine christliche Stimme in den Wirren des Krieges
Im Mai 1940 lässt sich Pastor Marc Boegner, seit 1929 Präsident der Protestantischen Föderation Frankreichs , in Nîmes, in der freien Zone, nieder, um die Föderation bei der Vichy-Regierung zu vertreten, bis zu seiner Rückkehr nach Paris im März 1943, als ganz Frankreich besetzt wird.
Pastor Bertrand seinerseits vertritt die Föderation als ihr Vizepräsident in der von den Deutschen besetzten Zone.
Als solcher ergreift Pastor Bertrand würdige und mutige Initiativen zugunsten der Juden:
X Brief an Marschall Pétain, um gegen die Verpflichtung zu protestieren, die die Juden zwingt, den gelben Stern zu tragen ,
x Rundbrief an die Pastoren der besetzten Zone:“ viele von uns haben gedacht, dass die Kanzel nicht schweigen durfte angesichts dieser Verletzung der Würde der Menschen und der Gläubigen“,
x Protest nach der Massenverhaftung der Juden im Wintervelodrom bei dem Regierungsvertreter vor den Besatzungsbehörden „gegen die Ausrottung einer Rasse, dem unverdienten Märtyrertum von ihren Frauen und Kindern“
André-Numa Bertrand und seine Kollegen der Oratoriumsgemeinde (die Pastoren Paul Vergara und Gustave Vidal)sowie Pastoren aus anderen Pariser Gemeinden folgen damit dem Beispiel der deutschen Bekennenden Kirche, die sich von Anfang an gegen den Nazismus aufgelehnt hat (vgl. das Barmer Bekenntnis 1934). Während der Besatzung zeigen sie in ihren Predigten einen geistlichen Widerstand, zuweilen vor deutschen Offizieren und Soldaten, die dem Gottesdienst beiwohnen.
Die Predigten des Oratoriums jener Zeit werden im monatlichen Bulletin der reformierten Kirche des Oratoriums veröffentlicht unter dem Titel:“ Eine Stimme im Sturm: Eure Kirche spricht zu Euch“.
Nach der Befreiung von Paris bekleidet Pastor Bertrand weiterhin sein Amt im Oratorium. Er stirbt im Alter von 70 Jahren kurz nach seiner Pensionierung und hinterlässt das Andenken an seine reichhaltigen und mutigen Predigten.