Olivier Senn (1864-1959)

Dieser Baumwollhändler hatte Sinn für Kunst und die Seele eines Mäzens: zu seinen Lebzeiten schenkt er dem Louvre einen Degas, dem Kunstmuseum in Le Havre eine Zeichnung von Delacroix, dem Nationalmuseum der Modernen Kunst in Paris die Blonde Frau von Marquet. Seine Sammlung, die durch drei aufeinanderfolgende Vermächtnisse durch seine Enkel dem Museum für Moderne Kunst André Malraux in Le Havre (MuMa) geschenkt wurde, hat aus diesem Museum für seine impressionistischen Sammlungen das erste Provinzmuseum Frankreichs gemacht, nach dem Museum Orsay in Paris.

Ein Händler, der sich für Kunst begeistert

Reitpferd, Edgar Degas, 1862 (MuMa, Sammlung Oliver Senn) © Domaine public/Wikimedia Commons

Olivier Senn ist in Le Havre in einer protestantischen aus der Schweiz stammenden Familie geboren.

Er studiert Jura in Paris und wird dann bei dem Amtsgericht in Le Havre zugelassen. 1893 tritt er in den Handel ein und wird Geschäftsführer der Baumwollkompanie, neben Charles-Auguste Marande, einem Kunstliebhaber wie er, und seinem Schwiegervater Ernest Siegfried.

Olivier Senn nimmt aktiv am kulturellen Leben von Le Havre teil. Sein Interesse für Malerei zeigt sich 1896, als er der Gesellschaft für Kunstfreunde beitritt, kurz nach seinem Vater, seinem Schwiegervater und Charles-Auguste Marande. 1902 wird er Mitglied des Verwaltungsrates, 1906 wird er Gründungsmitglied des Kreises für moderne Kunst – der unter der Anregung der Maler Braque, Dufy, Othon Friesz  gegründet wurde – neben anderen großen Sammlern aus Le Havre wie Charles-Auguste Marande, Georges Jean-Aubry, Pieter Van der Velde, Georges Dussueil.

Von 1906 bis 1909 hat der Kreis für Moderne Kunst in vier Ausstellungen in Le Havre etwa 272 Werke von Künstlern versammelt, die die modernen Tendenzen vom Anfang des Jahrhunderts darstellen. Dieser Kreis hat das Ziel, „die Äußerungen einer persönlichen Kunst zu erleichtern, indem er wöchentliche Zusammenkünfte, Kunstaustellungen, Kammermusikkonzerte und leicht verständliche Vorträge über Kunst organisiert“.

Der Sammler

Die Seine bei Samois, Armand Guillaumin, 1898 (MuMa, Sammlung Olivier Senn)

Olivier Senn  baut seine Sammlung während der Jahrhundertwende auf mit einer Vorliebe für die impressionistischen Maler (Sisley, Monet, Renoir, Pissaro, Guillaumin), für die postimpressionistischen Maler und für die Landschaftsmalerei.

Er bereichert seine Sammlung je nach Gelegenheit: er kauft, verkauft, tauscht Bilder aus und erweitert seine Sammlung durch Neo-impressionisten (Cross), Nabis (Sérusier, Bonnard,Vuillard) und Fauves (Marquet,Matisse). Vierzig Jahre lang sammelt er Picasso, Renoir, Monet, Marquet, Degas, Vallotton dank des Verkaufs von Ateliers, Versteigerungen in Drouot, Direktkäufen bei den Malern.

Olivier Senn ersteht auch Werke aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Delacroix, Courbet).

Als eklektischer Kunstliebhaber macht Olivier Senn mutige Ankäufe, die seine Nächsten zuweilen verwirren, Er entdeckt Künstler, deren Talent heute allgemein anerkannt wird. Er kauft einen Van Gogh, um ihn an dem Tag weiter zu verkaufen, als der Wert des Gemäldes auf das Doppelte gestiegen ist.

Er interessiert sich auch für die Zeichnung, vor allem indem er über vierzig Zeichnungen des jungen Degas erwirbt und Aquarelle und Pastellbilder von Boudin, Guillaumin und Cross). Er verschafft sich diese Werke auf dem Kunstmarkt, in den Pariser Galerien Bernheim -Jeune, Druet, Durand-Ruel oder in Auktionslokalen. Als erfahrener Sammler ist Olivier Senn jedoch nicht der „Sammler aller Avant-Garden“. Außer Marquet, Guillaumin und Vallotton kauft Olivier Senn nur wenige zeitgenössische Werke. Und doch ist er der erste Franzose, der Giorgio de Chirico erwirbt. Ein Werk fällt aus dem Rahmen seiner Sammlung, das ist „Bougival“ des Fauve André Derain. Dieses Gemälde ist von seinem Schwiegervater gekauft worden: 1905 will Ernest Siegfried seinen Schwiegersohn und dessen avantgardistischen Geschmack provozieren, indem der ihm dieses Werk schenkt, das unter den „verrücktesten und hässlichsten“ ist, die im Salon der Unabhängigen ausgestellt wurden.

Schenkungen an MuMa

Matisse mit Zylinder, Albert Marquet, um 1900 (MuMa, Sammlung Olivier Senn) © Domaine public/Wikimedia Commons

Seine Enkelin Hélène Senn-Foulds erbt von ihrem Vater diese Sammlung der Familie. 2004 hinterlässt sie dem Museum Malraux in Le Havre zweihundert Werke, Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Skulpturen der Sammlung Olivier Senn. 2009 schenkt sie dem MuMa die Sammlung ihres Vaters Edouard Senn (Le Havre 1901-Sallandes 1992), das heißt siebenundsechzig neue Werke, darunter fünfundvierzig Gemälde, fünfzehn Zeichnungen, fünf Gravuren und fünf von Picasso oder de Stael signierte Skulpturen. Im Juli 2015 nimmt Pierre-Maurice Mathey, der angeheiratete Enkel von Olivier Senn eine neue Schenkung vor, die dem MuMa erlaubt, siebzehn neue Werke in das Museum aufzunehmen – zehn Gemälde und sieben Zeichnungen, signiert von Pissaro, Degas, Marquet, Guillaumin oder Boudin.

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