Protestantische Kirchenarchitektur

Die protestantische Kirchenarchitektur Frankreichs oder besser gesagt die religiöse Architektur der Protestanten in Frankreich ist äußerst vielfältig. Es gibt keine architektonische Einheit, sondern eine Reihe von Merkmalen, die sich von einem Jahrhundert zum anderen und von einem Stil zum anderen durchziehen: die Abschaffung der Bilderverehrung, die Organisation des Innenraums um die Kanzel und den Abendmahlstisch herum und die Öffnung nach außen durch zahlreiche Fenster.

16. Jahrhundert: Umgestaltungen bestehender Kirchen und Neubauten

La Rochelle, St. Bartholomäuskirche und Kirchturm © Musée Rochelais d'Histoire Protestante
Le Poët-Laval (Drôme) © M. de Raïssac

Als sich die Reformation in Frankreich immer mehr durchsetzte, benötigten die Protestanten größere Gotteshäuser als die Privathäuser, die ihnen bis dahin als Unterkunft gedient hatten.

Sie nutzten zunächst öffentliche Orte wie Abteien, Klöster und katholische Kirchen, die sie ihren lithurgischen Vorstellungen entsprechend umgestalteten:

  • Abschaffung der Bilderverehrung, der Heiligenstatuen, der frommen Bilder usw.
  • Neugestaltung des Innenraums: Entfernung der Altäre und Zentrierung des Gebäudes um die Kanzel und den Abendmahlstisch (bei den Reformierten).

So sind zu nennen:

  • die Kirche Saint-Jacques in Montauban,
  • die Augustiner- und Observantenklöster und die Kirchen Sainte-Eugénie und Saint-Étienne de Capduel in Nîmes,
  • die Kirche Saint-Fiary und das Jakobinerkloster in Agen,
  • die Kirchen Saint-Barthélemy und Sainte-Marguerite, das Refektorium des Augustinerklosters und das ehemalige Jeu de Paume in La Rochelle,
  • die Kapelle Sainte-Colombe in Gap,
  • die Kirche Notre-Dame in Montpellier,
  • zahlreiche Kirchen in Caen und in Lyon,
  • die Wiederverwendung und der Ausbau bereits existierender Gebäude in Le Poët-Laval.

 

Kann man “conceptions spirituelles” mit “lithurgischen Vorstellungen“ übersetzen?

Neubauten

Außerdem errichteten die Protestanten neue Gebäude, die von den Gemeinden finanziert wurden (in Lyon, Rouen, Charenton…). Einige Fürsten, die sich für die Reformation gewinnen ließen, richteten Kapellen auf ihrem Landgut ein (zum Beispiel in Chamerolles u.a.).

17. Jahrhundert

Straßburg, Wilhelmer-Kirche (67)

Nach dem Tod Heinrichs IV. (1610) wurde das Edikt von Nantes in Frage gestellt und die Zerstörung protestantischer Kirchen, die nach 1598 errichtet worden waren, zog sich durch das gesamte 17. Jahrhundert.

Das Elsass nahm eine Sonderstellung ein, da es erst mit dem Westfälischen Friedensvertrag (1648) an Frankreich angeschlossen wurde und das Edikt von Nantes hier nicht umgesetzt wurde. Straßburg wurde erst 1681 französisch, und sein Münster diente 150 Jahre lang gleichzeitig dem protestantischen und dem katholischen Gottesdienst. In den elsässischen Gotteshäusern wurden häufig abwechselnd katholische und protestantische Gottesdienste oder das Simultaneum gefeiert. Außerdem toleriert der lutherische Kult, der weniger streng ist als der calvinistische, im Inneren des Gebäudes religiöse Bilder und bewahrte so auch Schmuck aus den ehemals katholischen Kirchen.

Dasselbe galt fast genauso für die Grafschaft Montbéliard, die erst 1793 vollständig an Frankreich angegliedert wurde.

18. Jahrhundert: heimliche Versammlungen

Versammlung in der « Wüste »

Aufgrund des politischen Kontexts wurden zwischen 1685 und 1787 keine neuen Gebäude errichtet: Die Gottesdienste fanden im Verborgenen statt.

Die widerständigen Protestanten oder die Scheinbekehrten trafen sich zu „Versammlungen“ an abgelegenen Orten: Es war die Zeit des „Désert“, der Wüste, die in den Cevennen, aber auch im Languedoc, in Poitou, in der Normandie … und eigentlich im gesamten Königreich oft zu tragischen Ereignissen führte.

Ende des 18. Jahrhunderts verlieh das Toleranzedikt von Ludwig XVI. (1787) Nichtkatholiken einen bürgerlichen Stand. Im Jahr 1789 schrieb die Erklärung der Menschenrechte die Gewissensfreiheit fest, aber erst 1791 erlaubte die Verfassung die Religionsfreiheit.

Diese günstigeren Rahmenbedingungen ermöglichten es den Protestanten, sich wieder in der Öffentlichkeit zu versammeln und es wurden einige protestantische Kirchen gebaut.

Die Kirchen am Ende des Jahrhunderts

Kirche von Orthez © Reymond
Protestantische Kirche von Bolbec © R. Laurent

In Orthez (Pyrénées-Atlantiques) war bereits ab 1757 eine Kirche „der Wüste“ entstanden. 1789 erwarb die protestantische Gemeinde ein Grundstück, um dort eine „primitive Scheune“ zu errichten, die als Kirche genutzt und am 25. November 1790 eingeweiht wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Fassade mit einem Peristyl aus Arkaden geschmückt und 1821 schenkte Ludwig XVIII. der Kirche ein Portalgitter mit seinem Monogramm.

In Monneaux (Aisne) wurde 1792 eine prostestantische Kirche gebaut, die im ersten Weltkrieg leider beschädigt wurde. Sie konnte dank der amerikanischen Methodist Episcopal Church restauriert werden.

In Bolbec (Seine-Maritime) hinterließ Jean Guilmard, der Sohn eines Neubekehrten, der 1782 in London verstorben war, ein Vermächtnis für den Bau einer protestantischen Kirche. Der Bau wurde 1792 beschlossen und die Kirche 1797 eingeweiht.

Die Französische Revolution, die die Güter des Klerus verstaatlichte, das Konkordat von 1801 und die organischen Artikel von 1802 gaben dem protestantischen Gottesdienst neuen Auftrieb und förderten die Wiederverwendung oder den Neubau von Kirchen.

Gebäude, die als protestantische Kirchen wiederverwendet wurden

Kirche St. Ruf in Valence (Drôme) © M. Chalamet
Kirche von Pentemont (Aussenansicht) © O. d'Haussonville
protestantische Kirche des Oratoire du Louvre (rue de Rivoli) © Thibault Godin
Protestantische Kirche „Oratoire du Louvre“ © Thibault Godin
protestantische Kirche des Oratoire du Louvre (Innenansicht) © Thibault Godin

Zu den Gebäuden, die als protestantische Kirchen wiederverwendet wurden (durch den Erwerb von nationalem Eigentum) gehören u.a.:

  • die ehemalige Abtei von Saint-Ruf in Valence (Drôme),
  • die ehemalige Kapelle des Ursulinenklosters (kleine Kirche) und die ehemalige Kapelle des Dominikanerklosters (große Kirche) in Nîmes (Gard),
  • die ehemalige Kapelle Saint-Éloi in Angers (Maine-et-Loire),
  • die ehemalige Kapelle der Karmeliten in Montauban (Tarn-et-Garonne),
  • die ehemalige Kapelle des Annonciade-Klosters (Temple du Hâ) in Bordeaux (Gironde).

In Paris wurde den Reformierten die ehemalige Kirche Saint-Louis-du-Louvre zugesprochen, die bald durch das Oratorium ersetzt wurde, sowie die ehemaligen Kapellen Sainte-Marie und Pentemont. Die Lutheraner erhielten die Kirche „Les Billettes“.

Neubauten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Kirche von Quissac (30) © Reymond

Es gibt zahlreiche Beispiele für Kirchenbauten, die von der griechisch-römischen Kunst inspiriert sind: runde oder rechteckige Kirchen mit vorgelagerten Säulenhallen:

  • in Orléans (Loiret), 1803-1839,
  • in Nancy (Meurthe-et-Moselle), 1804,
  • in Marennes (Charente-Maritime), 1822,
  • in Anduze (Gard), 1823,
  • in Rochefort (Charente-Maritime),1823,
  • in Vauvert (Gard), 1825,
  • in Chambon-sur-Lignon (Haute-Loire), 1826,
  • in Lasalle (Gard), 1829,
  • in Bordeaux (Gironde), Temple des Chartrons, 1832,
  • in Quissac (Gard), 1833.

und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

protestantische Kirche Étoile, Paris (Zeichnung des Architekten, W. Hansen) © O. d'Haussonville

Viele protestantische Kirchenbauten aus dieser Zeit weisen eine neogotische oder neoromanische Architektur auf, ebenso wie viele katholische Kirchen, die in dieser Zeit gebaut wurden.

Hier einige Beispiele:

  • in Nantes (Loire-Atlantique), 1830,
  • in Munster (Haut-Rhin), 1874,
  • die Kirche „Étoile“ (Paris), 1874,
  • in Saint-Maixent (Deux-Sèvres), 1876,
  • in Sancerre (Cher), 1894.

Andere Kirchenbauten integrierten architektonische Neuheiten:

  • die Kirche „Temple du Saint-Esprit“, rue Roquépine, in Paris: Sie wurde 1865 von Theodor Ballu nach Plänen des Architekten Victor Baltard (Architekt der Kirche Saint-Augustin) erbaut. Sie beitzt ein damals sehr modernes Glasdach.

Die Periode der vielfältigen Stile (1880-1920)

Protestantische Kirche im Foyer de l'Âme, Paris © Isabelle de Rouville

Diese Epoche, die man auch als „pittoresk“ bezeichnen kann, versuchte, kreativ zu sein, jedoch ohne großen Erfolg. Man vervielfältigte vor allem die äußere Ornamentik, versuchte sich regionalistisch (Chalet-Kirchen, die sogenannte normannische Architektur…), oder man verkomplizierte die Grundrisse oder die Glockentürme.

Man kann beispielsweise nennen:

  • die 1894 errichtet Kirche von Fontainebleau,
  • die Kirche „la Petite Étoile“, die 1911 von Charles Letrosne in Levallois-Perret erbaut wurde.

Das einzige originelle Beispiel aus dieser Zeit ist das Foyer de l’Âme (Paris, 1907), das auf Initiative des Pastors Charles Wagner von den Architekten Naville und Chauquet gebaut wurde.

20. Jahrhundert

Protestantische Kirche von Marseille-Provence, Marseille © A. Leenhardt

Neue Materialien, darunter Beton, führen zur Entstehung einer neuen architektonischen Ästhetik.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts sind einige architektonisch interessante Errungenschaften zu verzeichnen:

  • die Kirche von Marseille-Provence (1954),
  • die ökumenische Kirche von Port-Grimaud (1969) mit einem Glasfenster von Vasarely,
  • das ökumenische Zentrum von Jacou (Hérault),
  • Die Bauten von Philippe Verrey aus den Jahren 1960-1970, wie zum Beispiel die Kirchen von Massy, von Rueil-Malmaison u.a.
Théologien et architecte, Nicolas Westphal explique le rôle et la place du temple dans la tradition protestante.

Bibliographie

  • Seiten
    • Les temples protestants de France | Link

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