Henri Lindegaard (1925-1996)

Als Pastor und Maler schreibt er sich in die Reihe der protestantischen Künstler ein, die dazu beitragen, ihren Glauben weiterzugeben.

Sein Leben

Porträt von W. Vischer (1959) © Henri Lindegaard

Henri Lindegaard ist 1925 in Madrid in einer protestantischen spanischen Familie geboren – sein Familienname kommt von seinem dänischen Großvater väterlicherseits. Sein Vater Enrique Lindegaard (1879-1944) ist Pastor an der protestantischen Kirche El Salvador in Madrid und Präsident der Evangelikalen Kirche Spaniens. Sein Onkel mütterlicherseits ,Eduardo Diaz Yepes (1910-1978) ist ein bekannter Bildhauer in Lateinamerika.

Im Jahre 1938 während des Spanischen Bürgerkrieges flüchtet die Familie nach Frankreich, nach Clairac (Lot-et-Garonne) und wird von Pastor Jacques Delpech (1887-1965) beherbergt.

1942, mit 17 Jahren, studiert Lindegaard am Collège Cévenol in Chambon-sur-Lignon (Haute-Loire). Er begeistert sich für Malerei und Poesie. Im „Maison des Roches“, dem Heim für geflüchtete Studenten, entgeht er am 29. Juni 1943 einer Razzia der Deutschen. Der Kontext des Krieges, in dem er aufwächst, sein Leben als Flüchtling und der vorzeitige Tod seines Vaters 1944 hinterlassen tiefe Spuren in ihm.

1945 studiert Lindegaard an der theologischen Fakultät von Montpellier und belegt gleichzeitig Kurse an der Kunsthochschule.

Die dialektische Theologie von Karl Barth (1886-1968), die auf die Person Christi ausgerichtet ist, sowie die christologische Interpretation des Alten Testaments von seinem Professor Wilhelm Vischer (1895-1988) prägen entscheidend sein Werk als Pastor und Künstler.

Lindegaard wird Pastor im Departement Gard ab 1952. 1956 heiratet er  Béatrix d Rougemeont – sie haben drei Kinder. 1958 empfängt er seine Weihe als Pastor von Jacques Delpech. Er wird Mitglied, danach Präsident der Kommission für die Liturgie der reformierten Kirche bis 1982. Seine Halbzeit-Arbeit als Pastor in Vézénobres ermöglicht ihm, seine künstlerische Berufung weiter zu verfolgen.

Die künstlerische Ausbildung von Lindegaard vertieft sich im Kontakt mit dem Maler und Theoretiker des Kubismus, Albert Gleize (1881-1953), dem er 1952 begegnet. Dieser ist am Ende seines Lebens katholisch geworden und interessiert sich für die sakrale Kunst. Sie unterhalten sich über Fragen der Kunst und der Religion. Obwohl er von Gleize beeinflusst ist, entwickelt die Kunst von Lindegaard eine ihr eigene Ästhetik, die immer stilisierter und poetischer wird. Er wendet sich zunächst der Ölmalerei und Bildhauerei zu. Später wird er bekannt für seine Aquarelle (besonders Landschaften), seine Porträts und seine biblischen Zeichnungen mit schwarzer Tinte.

Lindegaard beendet sein Amt als Pastor 1990 und zieht sich auf  das Mas Soubeyran zurück, nahe am Musée du Désert (Gard). Dort leitet er ab der Sechziger Jahre Lehrgänge für Aquarellmalerei. Er stirbt 1966 während eines Aquarell-Lehrgangs im protestantischen Zentrum  Lazaret in Séte, umgeben von seinen Lehrgangsteilnehmern,  und hinterlässt ein fast vollendetes Aquarell der Kathedrale von Maguelone.

Eine Bildertheologie

Eine Stimme in derWüste © Henri Lindegaard
In der Tour de Constance © H. Lindegaard
Für den Tod oder für die Freude .Detail © Henri Lindegaard

Der Architekt und Schriftsteller Olivier Tric (1936-2024) lenkt unser Augenmerk auf die bewusste Anordnung der Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Lindegaard, dessen Gesamtwerk seiner Ansicht nach einen originellen Beitrag in der Kunstgeschichte darstellt, zu dem es kein Äquivalent gibt.  Er betont ihre plastische Kunstfertigkeit, ihre interne Strenge und Ausdrucksmacht. Er identifiziert eine große stilistische Erfindung, nämlich die, verschachtelte Figuren in eine Zentralfigur einzuschließen. So erscheint zum Beispiel in Eine Stimme in der Wüste unter dem Arm von Johannes dem Täufer die glanzvolle Figur des Christus, dessen Ankunft er voraussagt; in In der Tour de Constance bilden die gefangenen protestantischen Frauen, die um den Brunnenrand versammelt sind, wo das Wort Résister (Widerstehen) eingraviert wurde, zugleich die Finger der durchlöcherten Handfläche von Christus.

In seiner biblischen Kunst gebraucht Lindegaard auf diskrete Art Zeichen und Symbole, die zuweilen erst nach einem aufmerksameren Blick erscheinen. So zum Beispiel in dem Begleittext zu der Zeichnung der Weisen vor dem König Herodes (Für den Tod oder für die Freude): er lädt uns dazu ein, die bildliche Verbindung zu sehen zwischen der Krone von Herodes mit fünf perlenbesetzten Spitzen und dem gleichermaßen geschmückten Stern. So führt er uns zu einem Nachdenken über den Unterschied zwischen der vergänglichen zeitlichen Macht und der geistigen Macht:“ Es gibt eine Verbindung zwischen dem Stern und der Krone von Herodes. Aber die Krone wird fallen, während der Stern fest am Himmel steht. Man kann auf den Stern zeigen, sein Licht empfangen, aber man kann ihn nicht in die Hand nehmen: er ist für alle Menschen und für alle Zeiten.“

Lindegaard erklärt seine Forschungsarbeit zu einem Stil, der nach und nach von jeglichem Zusatzdetail befreit ist, sowohl in seinen Zeichnungen, seinen Aquarellen als auch in seinen Predigten:“ In der Ausübung meines Amtes habe ich Hören und Sehen nicht trennen wollen. Aber ich habe den Bildern misstraut, die darstellen, einschließen, festlegen. Ich habe mich darauf beschränkt, Zeichen zu setzen, die sprechen sollten, um, wie der Finger von Johannes dem Täufer, auf das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt, zu zeigen.“

Die Bibel der Kontraste

Wie Lehm © Henri Lindegaard
Christus in Herrlichkeit , protestantische Kirche von Saint-Dié © L. Gury, Région Grand Est - Inventaire général
Deckblatt des französischen Psalters © H. Lindegaard et Réveil Publications

Im Jahre 1993 versammelt Lindegaard seine biblischen Zeichnungen mit schwarzer Tinte, begleitet von Texten, die die Zeichnungen erklären, in Die Bibel der Kontraste: Meditationen durch die Feder und den Strich. Die Zeichnungen verbinden die Schlichtheit und den Kontrast von Schwarz und Weiß mit einem originellen graphischen Stil, der ausdrucksvoll und stark ist, zuweilen dramatisch, oft voller Bewegung, und der die Aufmerksamkeit auf sich zieht und zum Nachdenken einlädt. Die Texte lenken unser Augenmerk auf einige bedeutende Details der Zeichnungen und wechseln zwischen Beschreibung, Erzählung, Dialog, Poesie, Gebet und zuweilen sogar Humor oder Ironie. Dieses Werk hat dank einer von Pastor Jérôme Cottin geleiteten Subskription erscheinen können und stellt eine Synthese der Arbeit von Lindegaard als Pastor, Schriftsteller und Künstler dar. Anlässlich der Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung des Werkes stellt Jérôme Cottin fest:“ Es ist so selten, dass ein auf Französisch geschriebenes Buch aus der Theologie oder Spiritualität auf Deutsch übersetzt wird, dass man dieses Ereignis als Erfolg begrüßen darf (…).Es zeigt, wie sehr es einem Bedürfnis entspricht: dem Bedürfnis nach Werken von hochwertiger Spiritualität, dem Bedürfnis nach einer bildlichen, biblischen Unterlage, die leicht in schwarz –weiß reproduzierbar ist, dem Bedürfnis nach katechetischen Dokumente, nicht nur für Junge und Heranwachsende, sondern auch für Erwachsene.

Die Zeichnungen und Texte der Bibel der Kontraste zirkulieren weiterhin unter verschiedenen Formen in Europa, Amerika und Indonesien.

Die Werke von Lindegaard zieren mehrere protestantische Kirchen und soziale Zentren, zum Beispiel:

X Osterlamm: Mosaik in der protestantischen Kirche von Aubagne (Bouches-du-Rhône)

X Der Feuervogel: Mosaik im protestantischen Studentenheim in Montpellier (Hérault)

X Kinder in den Händen – Mosaik im Zentrum  Arc-en-Ciel für behinderte Kinder in Nîmes (Gard)

X Christus in Herrlichkeit – Wandmalerei in der protestantischen Kirche in Saint-Dié (Vogesen)

X Zeichnungen aus der Bibel der Kontraste als Wandteppiche dargestellt von Daniel Bourget, von denen einige in der Gemeinschaft von Pomeyrol in Saint-Etienne-de-Grès (Bouches-du_Rhône) ausgestellt sind

X Er ist auferstanden, Zeichnung aus der Bibel der Kontraste, in Großformat erstellt am Eingang der protestantischen Zentrums in La Rochelle

X transparente Drucke von Zeichnungen aus der Bibel der Kontraste auf Glaswänden in der Kirche von Abbenbroek in Holland

Die Werke von Lindegaard haben auch mehrere Bücher über religiöse Praxis und Betrachtung illustriert, darunter les Psaumes du pélérin ( die Psalmen des Pilgers) 1998 und Le psautier francaisles 150 psaumes de la Réforme  ( der französische Psalter – die 150 Psalmen der Reformation (1995) unter anderen.

Lindegaard schafft auch aus Zinn vielfache Versionen des Hugenottenkreuzes.

Bibliographie

  • Seiten
    • Bücher
      • Artikels

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