Die ehemalige Kirche „Temple de Paradis“ in Lyon

Die Kirche “Le Temple de Paradis”, die 1567 zerstört wurde, ist ein Symbol der Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie ist eine der wichtigsten protestantischen Kirchen dieser Zeit und zudem eine der wenigen, von denen eine Darstellung erhalten ist.

Vor dem Bau der Kirche

Die Reformation etablierte sich in Lyon innerhalb der von Peter Valdo (1140-1217) gegründeten Waldensergemeinschaft.

Die Reformierten benutzten zunächst die katholische Kirche Sainte-Croix, wo sie Bänke im Kreis aufstellten und an der Tür die Gebote Gottes und das Wappen des Königs anbrachten.

1563 fand die Nationalsynode der reformierten Kirchen in Lyon statt. Bereits 1564 wurde ein Gebäude- und Grundstückskomplex gekauft, der als protestantische Kirche ausgebaut werden sollte. Das Gebäude, das den Namen „Paradies-Tempel“ trägt, wurde innerhalb von sechs Monaten errichtet.

Der Name „Paradies“ soll von den Reformierten selbst stammen, „weil [der Raum] innen von Galerien in Form von vorspringenden Balkonen umgeben war, von denen sie sagten, dass sie einem Paradies ähnelten“ (Almanach von Lyon, 1743).

Die älteste Darstellung einer protestantischen Kirche

Lyon (69), das Innere des Temple du Paradis (1564) © Fonds B.P.U. Genève

Das Gemälde „Temple de Lyon nommé Paradis“ (die sogenannte Paradieskirche von Lyon), das derzeit im Musée International de la Réforme in Genf ausgestellt ist, wird Jean Perrissin (um 1565) zugeschrieben. Der nach Genf geflüchtete Künstler aus Lyon ist vor allem für eine Serie von Radierungen bekannt, die er zusammen mit Jacques Tortorel anfertigte.

Hier ist der Beginn eines Gottesdienstes zu sehen: es handelt sich wahrscheinlich um eine Taufe oder eine Hochzeitsfeier.

Auf dem Gemälde kann man einige Merkmale der damaligen Kirchengemeinschaft erkennen:  Bequeme Bänke für vornehme Personen zeugen von einer sozialen Hierarchie und die etwa 50 anwesenden Gläubigen veranschaulichen die Vielfalt in der Gemeinde. Es gibt Männer mit Schwertern, getrennt sitzende Frauen und Kinder. Eine Sanduhr sollte die Beredsamkeit des Predigers beschränken. Die Abbildung eines Hundes ist häufig auf protestantischen Stichen zu finden: Er symbolisiert die Treue, aber vielleicht auch die Entweihung der Kirchen nach protestantischem Verständnis.

Protestantische Architektur

Das Gebäude hat einen zentrierten Grundriss mit drei zweiläufigen Treppen, die zu den inneren Tribünen mit umlaufenden Galerien führen. Der große Saal wird von einem runden, nach oben spitz zulaufenden Dach abgeschlossen.

Die Kanzel des Pastors nimmt die Mitte des Gebäudes ein: Rundherum sind Bänke angeordnet, um das Zuhören zu erleichtern. Im Obergeschoss ist die Tribüne durch Oberlichter gut beleuchtet. Die Innendekoration an den Wänden der oberen Galerie zeigt Kartuschen mit den Wappen des Königs und der Stadt.

Die Anordnung des Gebäudes lässt den Zweck des zentrierten Grundrisses erkennen, der den Geistlichen und die Gemeinde wie in einem Theater in eine sehr enge Beziehung zueinander bringt.

Die Kirche konnte jedoch nur kurz genutzt werden: Bereits 1567 wurde sie am Vorabend des zweiten Religionskriegs zerstört. Die Straße, in der er sich befand, behielt den Namen „Paradis“ bei.

Weitere Informationen über die Kirche (temple.free.fr)  : 
Fotos
Geschichte

Bibliographie

  • Bücher
    • DUBIEF Henri et POUJOL Jacques, La France protestante, Histoire et Lieux de mémoire, Max Chaleil éditeur, Montpellier, 1992, rééd. 2006, p. 450
    • LAURENT René, Promenade à travers les temples de France, Les Presses du Languedoc, Millau, 1996, p. 520
    • REYMOND Bernard, L’architecture religieuse des protestants, Labor et Fides, Genève, 1996
    • RONDOT Nathalie, Les protestants de Lyon au dix-septième siècle, Mougin-Rusard, Lyon, 1891
  • Artikels
    • GUICHARNAUD Hélène, „Approche de l’architecture des Temples protestants construits en France avant la Révocation“, Études théologiques et Religieuses, Institut Protestant de Théologie, Montpellier, 2000, Tome 75

Dazugehörige Vermerke

Petrus Waldes (1140-1217) und die Waldenser

Petrus Waldes begründet die Bewegung der Waldenser, die sich im Süden Europas verbreitet.
Charenton (94) : le 2<sup>ème</sup> temple sous Henri IV

Charenton (Val-de-Marne)

Meisterwerk von Salomon de Brosse, Architekt des Palais du Luxembourg (Senat) für Marie de Medici (1623).
Lyon (69), intérieur du Temple de Paradis (1564)

Die protestantischen Kirchen vom 16. Jahrhundert bis zur Widerrufung

Im Frankreich des 16. Jahrhunderts wird der reformierte Gottesdienst in ehemaligen katholischen Kirchen und in neuen Gebäuden abgehalten.
Das Massaker in Cahors, Quercy 19.November 1561)

Die acht Religionskriege (1562-1598) (Einzelheiten)

Im 16. Jahrhundert erlebt Frankreich eine religiöse Spaltung: die groβe Mehrheit bleibt dem Katholizismus treu und eine bedeutende Minderheit schlieβt sich der Reform an. Das Prinzip der Koexistenz beider Konfessionen...
Lyon (69), intérieur du Temple de Paradis (1564)

Tempel, die vor der Aufhebung des Edikts von Nantes errichtet wurden

Die Tempel, die im 16. und 17. Jahrhundert vor der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) errichtet wurden, sind fast alle verschwunden. Sie waren recht groß, hatten einen zentrierten oder...
Massacre de Wassy

Gravures au XVIe siècle

Dès la deuxième moitié du XVIe siècle, la gravure est une expression artistique très en vogue, relayant l’imprimerie auprès des populations illettrées.
Lyon (69), intérieur du Temple de Paradis (1564)

Erinnerungsorte in Rhône-Alpes

Diese große Region umfasst die Departements Ardèche (07), Drôme (26), Isére (38), Loire (42), Rhône (69), Ain (01), Savoyen (73) und Haute-Savoie (74) In Lyon und rund um Lyon, auf...
Carte de Lyon en 1572

Lyon, vorübergehende Hauptstadt der Protestanten (1562-1563)

Während des ersten Religionskrieges ist Lyon die intellektuelle und politische Hauptstadt des französischen Protestantismus (1562-1563). Die Geschichte der protestantischen Herrschaft, dann ihr Rückzug und schließlich ihr Scheitern ist ein gutes...